Mit Blick auf den Shutdown betrauern die geschätzten Fünf-vor-8:00-Kollegen Theo Sommer (Dienstag) und Matthias Nass (Mittwoch) wieder einmal den Niedergang Amerikas.

Dies ist ein alter europäischer Reflex. Schon vor der Staatswerdung, im Jahre 1766, meldete der französische Naturalist Buffon, dass in der Neuen Welt "erstaunlich idiotische und ausgelaugte" Typen herumliefen. Er sagte voraus: Die europäischen Einwanderer würden "mit jeder Generation weiter verfallen".

Derlei Prophezeiungen sind so amerikanisch wie Popcorn und Rock 'n Roll – seit den Fünfzigern. Mal war es die Sowjetunion (gest. 1991), mal die EU, mal die Japaner, die Amerika vom Thron stoßen würden; jetzt ist es China

Musste nicht Obama seinen Asien-Trip absagen, weil der Kongress ihm den Haushalt verwehrt? Zieht sich die "letzte verbleibende Supermacht" nicht aus der Welt zurück – erst aus dem Irak, demnächst aus Afghanistan?

Richtig an der Diagnose ist eine neue Phase der "Selbsteindämmung" unter einem Präsidenten, der seinem Land nation-building at home – die Selbst-Reparatur – verschrieben hat.  

Der Mann zieht rote Linien in Syrien, die er regelmäßig aufgibt. Die US-Militärpräsenz in Europa ist auf 30.000 Soldaten geschrumpft; auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges waren es zehn Mal mehr. Die militärische Option gegen das iranische Atombomben-Programm ist vom Tisch.

Nur ist das Pro-Kopf-Einkommen der USA acht Mal größer als Chinas und 34 Mal größer als das des Aufsteigers Indien. Amerika gibt vier Mal mehr fürs Militär aus als China. Der Niedergang wird also noch ein Weilchen dauern.

Solche Zahlen sind sozusagen der Kontoauszug. Aber was kann sich Obama mit seinem Reichtum in der Weltpolitik kaufen? Dieser Mann, der zögert und zaudert, der Entscheidungen lieber verschiebt als sie trifft? Mit Blick auf Syrien und den Iran tut sich ein interessantes Paradox auf.  

Obamas Gegner halten ihn für einen Schwächling, seine Freunde sind auch nicht begeistert. Aber betrachten wir nüchtern die Bilanz. Syrien: Gewiss will Obama seit zwei Jahren den Gewalteinsatz um jeden Preis vermeiden. Trotzdem haben seine Raketen-Zerstörer im östlichen Mittelmeer sowie seine Bomberflotte in der Hinterhand dafür gesorgt, die Russen ins Boot zu holen und Assad davon zu überzeugen, doch lieber seine C-Waffen aufzugeben.

Das ist kein Zeichen von Niedergang oder gar Lähmung. Macht ist, wenn man Drohungen nicht ausführen muss.

Und im Iran: Wird die Mullahkratie das Atombomben-Programm absagen? Oder zumindest kurz vor dem Ziel einfrieren? Mag sein. Aber entscheidend ist, dass die Sanktionen – von George W. Bush verfügt, von Obama verschärft – ihre Wirkung gezeigt haben. Der neue iranische Präsident hat eine Charmeoffensive aufgelegt und will, wie er sagt, zum ersten Mal ernsthaft verhandeln.

Wer es wie Washington schafft, eine fast weltweite Sanktionskoalition zusammen zu schirren, die Teheran in die Knie zwingt, ohne einen Schuss abzufeuern, beweist nicht Schwäche, sondern Macht.

Man darf es sogar noch schärfer fassen, Shutdown hin oder her. Ein Land, das unter Obama scheinbar seinen Kompass verloren hat und dennoch in den zwei kritischen Fragen der Weltpolitik seinen Willen durchsetzen kann, ist so schwach wie ein Elefant. Ein Dickhäuter, der zurzeit lieber grast als durchs Gehölz trampelt, bleibt immer noch das größte Tier in der Savanne.

Wie pflegte doch der schwergewichtige Helmut Kohl zu sagen? "Ich lebe davon, dass man mich unterschätzt."