Man sieht den Pulk schon von Weitem. Die Kasr-el-Nil-Brücke verbindet die Insel Zamalek mit Downtown Kairo, gleich dahinter steigen die Taxifahrer auf die Bremse, lassen die Fahrgäste vor dem Checkpoint auf dem staubigen Asphalt zurück, wenden, drücken das Gas durch. Denn wenn der Tahrir-Platz gesperrt ist, seit dem Juli fast jede Woche, geht unter den Kairoern die Furcht um. Sie bangen vor den Soldaten, die mit geschulterten Kalaschnikows in der Zugangsstraße vor den Panzern postieren und die Ausweise der Passanten inspizieren, die Taschen, die Handykameras. Ohne ihre Genehmigung darf niemand den Platz betreten.

Es tobt ein Kampf um die Vorherrschaft auf dem Tahrir. Und der zeigt: Der Alltag hat sich in Ägypten nur scheinbar eingestellt. Bald soll über die Verfassung abgestimmt werden, die Parlamentswahlen sind für das Frühjahr angesetzt, glaubt man der Regierung, sind bald alle Islamisten aus dem Land vertrieben. Tatsächlich aber fürchten die Machthaber bis heute, dass die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi an dem symbolträchtigen Ort aufmarschieren könnten. Der Tahrir-Platz, so lautet die offizielle Lesart, sei der Geburtsort der zweiten Revolution, Schauplatz der Befreiung von der Knechtschaft unter den Islamisten. Um das zu schützen, will die Regierung nun eine Mauer mit Eisentoren rund um den Platz errichten lassen. Um "die Proteste besser zu organisieren", wie es heißt.

Sie wollten ihn begrünen, diesen kolossalen Platz, der im 19. Jahrhundert von Vizekönig Ismail Pascha angelegt und 2011 zum Symbol eines Volksaufstands wurde, der die politische Architektur in der arabischen Welt für immer verändert hat. Vor ein paar Wochen rückten Männer mit Spaten an, sie pflügten den Kreisel in der Mitte um, Blumenkübel wurden aufgestellt, Kosmetik für ein tief vernarbtes Land. Das Ganze hielt eine Woche. Am 6. Oktober, genau 40 Jahre nach dem Beginn des Jom-Kippur-Kriegs gegen Israel, schossen Militäranhänger von hier aus Leuchtraketen in den Himmel, es wurde Musik gespielt: Volksfeststimmung. Draußen feuerten Soldaten mit Tränengas auf Islamisten, die sich Zugang zum Platz verschaffen wollten. Mehr als 250 Menschen wurden verletzt. Beim Ringen um den Tahrir geht es, erbittert wie nie, um die Deutungshoheit in der nationalen Geschichtsschreibung.

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Im Juni, kurz vor Mursis Sturz, standen die Straßenhändler hier dicht an dicht. Sie hatten sich die rote Karte mit dem Wort "Verschwinde", die bald etliche Schaufenster zieren sollte, um den Hals gehängt und verteilten Plakate mit dem durchgestrichenen Gesicht des Präsidenten. Dutzende Zelte waren aufgeschlagen, jede Partei hatte sich eine Ecke gesichert. Am 30. Juni, dem Jahrestag von Mursis Amtsantritt, skandierten Tausende: "Das Volk und die Armee gehören zusammen." Am 3. Juli, um 21.10 Uhr, trat General Abdel Fattah al-Sissi vor die Kameras. Die Verfassung, sagte er, sei außer Kraft gesetzt, Mursi nicht mehr im Amt. Auf dem Tahrir-Platz brach Jubel aus. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle ließ verlauten: "Das ist ein schwerer Rückschlag für die Demokratie in Ägypten."

Die tiefe Polarisierung im Land offenbarte sich alsbald: Anhänger und Gegner des abgesetzten Präsidenten lieferten sich Straßenschlachten, die Gefechtslinie verlief um den Tahrir. Die Mursi-Gegner behielten die Oberhand. Ihre Plakate trugen jetzt Slogans wie "Obama unterstützt ein faschistisches Regime" oder auch "BBC: Haut ab". Dass der Westen Mursis Absetzung verschmähte, galt als Affront, dem mit unverwüstlichem Patriotismus entgegnet wurde. Aus der Frage "Wem gehört der Platz?" wurde nun der Leitgedanke: "Wem gehört der Staat?" Die Beantwortung dessen mündete in Massenverhaftungen der Muslimbrüder und staatlich verordneter Propaganda. Die Idee einer liberalen Gesellschaft war und ist damit einmal mehr in weite Ferne gerückt. Dabei schien das Land einmal auf dem besten Weg dahin.

"Deutschland, wir lieben dich"

Am 11. Februar 2011 hatten die Demonstranten ihr Ziel erreicht: Ägyptens Langzeitpräsident Hosni Mubarak trat zurück. Das Freudengeschrei auf dem Tahrir-Platz gellte in die Welt, man könne nicht anders, rief Barack Obama aus, als Echos der Geschichte zu hören: das der Deutschen, als sie die Mauer niederrissen, oder das von Gandhi, der sein Volk auf den Pfad der Gerechtigkeit führte. Tausende Ägypter empfingen Westerwelle auf dem "Platz der Befreiung", sie schrien: "Deutschland, wir lieben dich." Westerwelle grinste in die Kameras und rief: "Jetzt atmet der Tahrir-Platz die Freiheit." Die Soldaten entfernten den Stacheldraht und die Barrikaden. Doch die Ruhe hielt nicht lange. Der nun herrschende Militärrat zeigte schnell, was ihm für die Zukunft des Landes vorschwebte.

Im November 2011 hatte das Militär eine Mauer gebaut. Mitten auf der Mohamed-Mahmoud-Straße, die auf den Tahrir führt. Zuvor hatten sich hier, nur eine Straße von Innenministerium und Parlament entfernt, Demonstranten und Polizei erbitterte Kämpfe geliefert. Die Opposition forderte den Rückzug der Armee aus der Politik, die Militärs beanspruchten einen Staat im Staat. Mit aller Gewalt. Als Sicherheitskräfte des Innenministeriums mit Gummigeschossen auf Demonstranten zielten, schaute die Armeeführung zu – oder machte mit. Als "böse Ironie der Geschichte" bezeichnen deshalb einstige Aktivisten das Denkmal, das die Militärführung gerade mitten auf dem Tahrir errichten lassen wollte und das auch an die Opfer eben dieser Kämpfe erinnern soll – es ist bereits zerstört und mit Graffiti überzogen. Auf den wachsenden Hass von Teilen der Bevölkerung antworteten die Militärs damals mit Stacheldraht und Checkpoints, die drakonischste Abwehr gegen den inneren Feind. "Wir sind die einzige Kraft, die Ägypten schützen kann", gab der führende General Mukhtar al-Mulla zu Protokoll. "Die Mehrheit steht hinter uns."

Zwei Jahre danach ist das immer noch fraglich: An diesem Dienstag erinnerten Tausende auf dem Platz an die Gewalt von damals und protestierten gegen al-Sissi – bei Zusammenstößen mit dessen Anhängern starben zwei junge Männer.