Langsam wird es gefährlich im Inselstreit zwischen Japan und China. Am vergangenen Samstag hat die Regierung in Peking das Gebiet um die umstrittenen Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer zur Luftverteidigungszone erklärt. Flugzeuge, die in dieses Gebiet hineinfliegen, müssten sich identifizieren. Wer das nicht tue, müsse mit "defensiven Notfallmaßnahmen" rechnen.

Vollkommen inakzeptabel! So schallte es aus Tokio zurück. Dort gelten die Inseln als japanisches Territorium, in dem die Chinesen nichts zu suchen haben und in dem sie schon gar keine Militärhoheit ausüben. "Wir sind entschlossen, den Luftraum und die Seegebiete unseres Landes zu verteidigen", rief Premierminister Shinzo Abe vor dem Parlament aus.

Aber noch am Samstag begannen die Chinesen, die von ihnen ausgerufene Luftverteidigungszone zu überwachen. Militärflugzeuge beider Länder stiegen auf, drehten dann wieder ab. Passiert ist nichts.

Aber wie leicht kann es nun zu einem Zwischenfall kommen! Schon in den vergangenen Monaten haben sich Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe beider Seiten einander gefährlich genähert.

Offiziell gibt es für Japan bis heute keinen Territorialkonflikt. Doch in China, wo die Inseln Diaoyu heißen, erkennt man die seit über 100 Jahren währende faktische Kontrolle der Japaner nicht an.

Der Konflikt eskalierte im Herbst 2012, als die Regierung in Tokio drei der Inseln dem damaligen privaten japanischen Eigentümer abkaufte – um sie dem Zugriff des rechtsnationalen Gouverneurs von Tokio zu entziehen. Eigentlich ein vernünftiges Motiv, das China jedoch nicht interessierte. Im Gegenteil, dort sah man in der Nationalisierung eine Kampfansage Japans.

Kann es zwischen der zweit- und der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt wirklich zum offenen Konflikt kommen, gar zum Krieg? Wegen fünf unbewohnter Felsen-Eilande? Man will es nicht glauben, schon gar nicht, wenn man den chinesischen und japanischen Pragmatismus kennt.

Und doch. Die nationalistische Rhetorik auf beiden Seiten wird immer beunruhigender. Chinesen und Japaner verstricken sich in eine Eskalationslogik, aus der sie nur mit sehr viel Umsicht und Ruhe wieder herausfinden können. Beides ist derzeit Mangelware. 

Emily Haber, die Staatssekretärin des Auswärtigen Amtes, hat Ende Oktober beim Deutsch-Japanischen Forum in Tokio eine Parallele zur Situation in Europa vor 100 Jahren gezogen. "Machtarrondierung zulasten anderer als außenpolitisches Grundmotiv, hohes Misstrauen gegeneinander, keine institutionalisierte Architektur, in der Dissens und Krise gehandhabt und beigelegt werden konnten; deswegen hohe Unberechenbarkeit, die durch die Volatilität der bilateralen Absprachen noch belastet wurde. All dies gehört zu den Bedingungen …, die den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, ausgelöst haben."

Die Japaner hörten es mit Unbehagen. Aber es gab keinen Widerspruch. Vielleicht aus asiatischer Höflichkeit. Vielleicht aber auch, weil man tatsächlich Parallelen erkennt zwischen dem Europa des Jahres 1913 und dem Asien des Jahres 2013.

Wenn es die geben sollte: Wer weckt sie auf, die chinesischen und japanischen Schlafwandler?