Am Dienstag vergangener Woche war die Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zu Ende. Abends veröffentlichte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua das Ergebnis in lauter kurzen Einzelmeldungen. Deren Kern: Der Markt solle in China künftig eine "entscheidende", nicht mehr nur eine "grundlegende" Rolle spielen.

Eine wichtige Botschaft. Aber doch etwas dürftig für eine Konferenz, die  lange vor Beginn der Hauch des Historischen umweht hatte. Das Volk blickte stumm, die Experten gaben wortreich ihrer Enttäuschung Ausdruck. Sollte das alles gewesen sein?

War es nicht. Am Freitag folgten, viel früher als üblich, die Details der ZK-Beschlüsse. Und die hatten es in sich.

China lockert seine Ein-Kind-Politik. Es schafft die Arbeitslager ab, jenes grauenvolle System der "Umerziehung durch Arbeit". Es reduziert die Zahl der Delikte, die mit der Todesstrafe geahndet werden. Es gibt den Bauern mehr Landrechte. Es öffnet den Wanderarbeitern Zugang zu Wohnraum, zu Bildung und Gesundheitsversorgung in den Städten. Bisher vom Staat festgesetzte Monopol-Preise soll künftig der Markt bestimmen. Das Finanzwesen wird liberalisiert.

Mit anderen Worten: Das Zentralkomitee der KP hat seine Arbeit getan. Es hat eine neue Etappe in der Modernisierung Chinas eingeleitet. 

Von den am weitesten reichenden Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsreformen "seit Jahrzehnten" schrieb die Washington Post am nächsten Tag. Und fügte hinzu: Mit diesen habe Parteichef Xi Jinping seine Machtstellung "zementiert".

Man könnte auch resümieren: China wird moderner, aber nicht demokratischer. Die Wirtschaft soll besser funktionieren, das Erbe des Maoismus soll überwunden werden – ja, es soll etwas menschlicher und etwas gerechter zugehen im Lande. Aber alles auf Kommando und im Dienste der Einparteien-Herrschaft.

Chinas autoritärer Staatskapitalismus bleibt damit das Gegenmodell zu westlicher Demokratie und liberaler Marktwirtschaft. Die jüngsten Reformbeschlüsse dürften die System-Alternative noch schärfer akzentuieren; sie werden das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell der Volksrepublik funktionsfähiger und damit wettbewerbsfähiger machen. 

Man könnte auch sagen gefährlicher. Oder herausfordernder.

Eines nur ist klar: "Selbstgefälligkeit (...) können wir uns im Umgang mit China nicht mehr leisten." Das schrieb Sebastian Heilmann, Direktor des neu gegründeten Mercator-Instituts für China-Studien, in der Süddeutschen Zeitung. Es sei, bei aller berechtigten und notwendigen Kritik, "ignorant und riskant, die chinesischen Reformambitionen und deren Auswirkungen auf uns nicht ernst zu nehmen".

An jenem Tag, an dem in Peking die Reformbeschlüsse bekannt gegeben wurden, feierte das Mercator-Institut in Berlin seine house-warming party. Kein schlechtes Timing!

Wie man überhaupt sagen muss: China  hat Konjunktur. Alle großen deutschen Stiftungen wenden sich der Volksrepublik zu – mit Konferenzen, Austausch-Programmen, Stipendien, Forschungsschwerpunkten. China-Expertise ist in Deutschland gefragt wie nie zuvor.

Alle haben inzwischen begriffen, wie groß die Herausforderung ist. Seit der vergangenen Woche ist sie noch ein bisschen größer geworden.

Wie groß? Das kann jeder nachlesen in der "Entscheidung über wichtige Punkte die umfassenden und weitreichenden Reformen betreffend". Im Original 20.000 Schriftzeichen lang.