Sein letzter Anruf ging an einen Personenschützer: "Ich werde verfolgt", sagte Hamad Abdel-Samad dem Mann, der ihn eigentlich vor Angriffen oder Entführungen schützen sollte. Doch an diesem Sonntagnachmittag hatte er sich alleine in Kairo auf den Weg zu einer Verabredung gemacht, zu der er keine Bewacher mitnehmen wollte.   

Seit dem letzten Anruf ist das Handy von Abdel-Samad abgeschaltet. Von dem prominenten deutsch-ägyptischen Publizisten fehlt jede Spur. Zuletzt hatte sich der 41-Jährige am Sonntag offenbar nahe dem Azhar-Park in Kairo aufgehalten, wo er sich mit einem Gesprächspartner treffen wollte.

Das Auswärtige Amt in Berlin wollte eine Entführung zunächst nicht offiziell bestätigen. Die ägyptische Polizei ermittelt nach eigenen Angaben gegen unbekannt. Die Beamten schließen nicht aus, dass radikale Extremisten für das Verschwinden des Deutsch-Ägypters verantwortlich sind.

Deutscher Botschafter interveniert in Kairo

Die Bundesregierung verlange von Ägypten schnellstmöglich Aufklärung über das Schicksal von Abdel-Samad, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Der deutsche Botschafter in Kairo habe dazu Kontakt mit der ägyptischen Regierung aufgenommen. Auch der Krisenstab in Berlin sei eingeschaltet worden. Abdel-Samad ist deutscher Staatsbürger. Seit Jahren gehört der Politologe in Deutschland und Ägypten zu den profiliertesten Kritikern des fundamentalistischen Islam und der Muslimbrüder.

Ägyptische Medien versuchen derzeit zu rekonstruieren, wie eine Entführung verlaufen sein konnte. Bereits im Taxi auf dem Weg von seinem Hotel zum Al-Azhar-Park habe sich Abdel-Samad von einem schwarzen Auto verfolgt gefühlt und den Personenschützer angerufen. Die ausgedehnte und vollständig abgezäunte Grünanlage am Rande der Kairoer Altstadt ist nur über eine mehrspurige Autostraße zu erreichen. Der Eingang wird kontrolliert. Besucher müssen Eintritt zahlen, die Abfahrt ist einzig mit einem Taxi möglich. Bislang ist unklar, ob die Täter Abdel-Samad vor Betreten des Azhar-Parks oder nach dem Verlassen des Geländes auflauerten.

Erst vor vier Monaten hatte ihn der ägyptische Salafisten-Prediger Assem Abdel-Maged im Fernsehen für vogelfrei erklärt, nachdem Abdel-Hamad den Islam in einem Vortrag am Nil als verspäteten religiösen Faschismus bezeichnet hatte. "Er hat den Propheten beleidigt. Und wer den Propheten beleidigt, muss getötet werden, selbst wenn er bereut", lautete das Verdikt.

Seither erhielt der Verfemte Morddrohungen per Internet, reiste umgehend aus Ägypten ab und hielt sich auch in Deutschland zunächst versteckt. Seine Familie in Ägypten wurde ebenfalls beschimpft und eingeschüchtert. In einem Interview mit ZEIT ONLINE hatte Abdel-Samad im Juni beschrieben, dass sich sein Leben nach dem Vortrag komplett verändert habe.