Die Schlacht um die Interpretation des vorläufigen Atomabkommens mit dem Iran hat begonnen. Der Text des Abkommens war noch nicht veröffentlicht, schon hat das amerikanische Außenministerium den ersten Zug gemacht und wesentliche Inhalte bekannt gegeben, vermischt mit einer eigenen Bewertung. In ihr wimmelt es von Vokabeln wie "zeitweilig, gezielt, begrenzt, reversibel". Eine überwältigende Zahl von Sanktionen bleibe in Kraft und was eine abschließende Lösung des Problems betrifft, so gelte: "Nichts ist vereinbart, bis nicht alles vereinbart ist."

Starke Worte, sie bauen schon einmal die Drohkulisse für die nun folgenden Verhandlungen auf; sie sollen sechs Monate dauern. Und dem US-Kongress wirft das Statement des Außenministeriums gleich auch ein paar Beruhigungspillen zu.

Natürlich preisen die amerikanischen Diplomaten auch ihren Verhandlungserfolg: Iran habe erstmals Begrenzungen seines Atomprogramms akzeptiert, die es ihm nicht erlauben, während der nun einsetzenden Verhandlungen über eine Gesamtlösung näher an die militärische Nutzbarkeit der Kerntechnik zu rücken.

Damit hat das State Department offenbar recht. So viel zu erfahren war, umfasst das vorläufige Abkommen unter anderem diese Punkte:

  • Keine Erhöhung des Vorrats an leicht angereichertem Uran (3,5 Prozent)
  • keine weitere Anreicherung von Uran über fünf Prozent hinaus; die entsprechenden Kaskaden von Zentrifugen werden entflochten
  • Verdünnung des vorhandenen, hoch angereicherten Urans oder seine chemische Umwandlung in eine Form, die seine Weiterverarbeitung zu militärischen Zwecken erschweren würde
  • keine Einrichtung zusätzlicher Zentrifugen oder gar Anreicherungsfabriken; Reduzierung der Zentrifugenproduktion auf ein Maß, das lediglich dem Ersatz defekter Einrichtungen dient; dauerhafte Stilllegung der meisten derzeit operierenden Zentrifugen
  • keine weitere Arbeit am Schwerwasserreaktor in Arak (in dem waffenfähiges Plutonium gewonnen werden könnte)
  • Offenlegung aller Unterlagen zu Arak
  • kein Programm zur Wiederaufarbeitung von Brennelementen (um Plutonium zu gewinnen)
  • täglicher Zugang von Inspektoren der internationalen Atomenergieagentur (IAEA) zu den Anreicherungsanlagen – und weitere Kontrollmöglichkeiten, wie sie bisher nicht zugestanden wurden

Wenn sich diese Angaben des US-Außenministeriums bestätigen, ist das Genfer Ergebnis wahrlich ein Durchbruch. Und es zeigt, wie sehr Irans Präsident Hassan Ruhani an seine Strategie glaubt, einen Atomkompromiss und damit ein Ende der Sanktionen zu erreichen, dadurch seine innenpolitische Macht zu festigen und zugleich den Iran zum anerkannten Mitspieler und Partner des Westens im Nahen Osten und darüber hinaus werden zu lassen.

Erreicht ist dieses Ziel freilich noch nicht. Vor einer endgültigen Vereinbarung liegen noch viele Hindernisse.

Zunächst einmal müssen Barack Obama und Hassan Ruhani die Hardliner in ihren eigenen Ländern von der Vereinbarung überzeugen. Darin liegt bereits die erste Gefahr, denn sie werden das Erreichte unterschiedlich darstellen. Das hat auch schon begonnen: Der Genfer Deal erkenne das "Recht auf Anreicherung" an, behauptet Irans Außenminister Mohammed Sarif; sein amerikanischer Amtskollege behauptet just das Gegenteil. Um diese Frage wird in den kommenden sechs Monaten noch ordentlich gestritten werden.

Und natürlich ist keine Vereinbarung so wasserdicht formuliert, dass sie Streit über ihre Einhaltung ausschließen lasse. Beide Seiten werden einander vorwerfen, gegen den Buchstaben und den Geist der Genfer Einigung zu verstoßen. Das muss niemanden schrecken, es gehört zum Spiel.