Venezuelas Präsident Nicolas Maduro macht ernst: Via Twitter läutete der Sozialist die staatliche Jagd auf Einzelhändler ein. Die Miliz solle die öffentliche Ordnung während der "ökonomischen Offensive" sicherstellen, ließ Maduro wissen. Die Straße hatte der ehemalige Busfahrer im "Wirtschaftskrieg" da schon mobilisiert. Am Wochenende begann der bizarre Kleinkrieg gegen Wucher und Preistreiberei mit einer bemerkenswerten Aktion gegen die Elektrowarenkette Daka. Von der Regierung installierte "Preisinspektoren" hatten zuvor Hinweise auf zu hohe Preise gegeben.

"Lasst keine Waren in den Regalen, lasst nichts in den Lagerhallen", forderte Maduro daraufhin seine Landsleute zur kollektiven Anarchie gegen die Kette auf. Die Folge waren Massenplünderungen und Tumulte. In den sozialen Netzwerken posteten entsetzte Venezolaner Bilder eines wütenden Mobs, der sich mit Plasmabildschirmen, Mobiltelefonen und Notebooks eindeckte. Viele, ohne zu bezahlen. Dabei sollte es eigentlich nur eine Aktion für "faire und gerechte Preise" sein, die allerdings völlig aus dem Ruder lief.

Maduros "ökonomische Offensive" kommt wenige Wochen vor den mit Spannungen erwarteten Kommunalwahlen, bei denen es für den Nachfolger des im Frühjahr verstorbenen Revolutionsführers Hugo Chávez um einen ersten Stimmungstest seit dem ebenso knappen und von der Opposition bis heute nicht anerkannten Wahlsieg im April geht. Die Umfragewerte des ehemaligen Busfahrers sind im Keller, viele Venezolaner machen Maduro für die katastrophale Versorgungslage in dem südamerikanischen Land verantwortlich. Oppositionsführer Henrique Capriles rief seine Landsleute dazu auf, bei den Kommunalwahlen am 8. Dezember die
Konsequenzen zu ziehen.

Hexenjagd im Handelssektor

Unterdessen will sich Maduro als Präsident mit harter Hand profilieren. Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Diaz verkündete am Montag eine erste Bilanz der Handelsrazzien: 28 Personen seien verhaftet, weitere Haftbefehle ausgestellt worden. Das allerdings ist erst der Anfang: 3 nationale und 47 regionale Staatsanwälte sollen künftig gegen Fälle von Wucher, Preistreiberei, Hamsterkäufen und Mangelwirtschaft vorgehen. Was das bedeutet, bestimmt allerdings allein die Regierung.

Venezuelas Privatwirtschaft reagiert entsetzt. Jorge Roig vom Handelsverband Fedecamaras sagte dem TV-Sender Globovision: "Wir sind sehr besorgt wegen der Vorkommnisse am Wochenende." Die von Maduro eingeleiteten Maßnahmen könnten eine "Hexenjagd im Handelssektor auslösen". Roig hofft trotzdem auf Diplomatie. Die Regierung müsse ihre Fehler einsehen und sich mit den Unternehmern zusammensetzen, um einen Dialog zu führen.

Sogar der Erfinder des Sozialismus des 21. Jahrhunderts wendet sich erschrocken ab: Der deutsche Politikwissenschaftler Heinz Dieterich, der als Vater der wirtschaftswissenschaftlichen Ideologie der lateinamerikanischen Linken gilt und einer der wichtigsten Ideengeber Hugo Chávez' war, gab Maduro und dem mächtigen Parlamentspräsidenten Cabello in der Tageszeitung El Universo einen vernichtenden Ratschlag: "Wenn Maduro und Cabello den Prozess retten wollen, dann gibt es eine schnelle Lösung. Sie sollten Rafael Correa anrufen. Er ist der einzige lateinamerikanische Präsident, der ein tiefes, wissenschaftliches Verständnis für die Ökonomie des Marktes hat." Nur der ecuadorianische Präsident könne den Zusammenbruch Venezuelas noch verhindern, glaubt Dieterich.