Yasser nimmt die Burger aus der Tüte und verteilt sie unter den Männern, Frauen und Kindern, die auf einer Marmorbank des Mailänder Bahnhofs kampieren. Schweigsam und hastig machen sich die Kinder darüber her. Die Erwachsenen essen langsam und schauen sich dabei ununterbrochen um.

In der Galerie des Foyers sitzen an diesem Abend etwa sechzig Menschen. Zu ihren Füßen Rucksäcke und Plastiktüten. Sie alle kommen aus Syrien, geflüchtet vor dem Krieg. Sie alle erreichten nach einer langen und gefährlichen Reise die italienische Küste. Und sie alle wollen weiterreisen, nach Norden: "Germany, Sweden, Norway", sagen sie. Es sind die einzigen Fremdwörter, die sie kennen.

Nicht weit von der Gruppe entfernt, nahe der Marmorsäulen des Foyers, stehen ein halbes Dutzend modisch gekleidete junge Männer, die sich miteinander auf Arabisch unterhalten. Sie rauchen, witzeln mit den Bahnhofswächtern auf Italienisch und halten dabei stets die Gruppe im Blick. Ab und zu nähert sich einer von ihnen den Flüchtlingen mit einem Notizbuch in der Hand. Sofort wird er von den Männern umgeben. Sie diktieren ihm Namen, die er sorgfältig notiert. Dann zählt er, mit seinem Stift deutend, die Frauen und Kinder auf der Bank.

Yasser stellt sich daneben, hört dem jungen Mann aufmerksam zu und kommt dann kopfschüttelnd zu seiner Frau und Tochter zurück. Der 47-jährige ehemalige Geschäftsmann im zerknitterten dunklen Anzug spricht ein wenig Englisch. "Kommen Sie aus Deutschland?", fragt er sobald er erfährt, dass ein deutscher Journalist im Foyer ist. "Nehmen sie uns mit, bitte", flüstert er.

Die Hoffnung: Schweden erreichen

Yassers Familie ist erst seit wenigen Tagen in Italien. Gemeinsam mit etwa fünfzig anderen Syrern kamen sie in einem kleinen Boot von Ägypten nach Sizilien. Dort blieben sie wenige Tage in einem Aufnahmezentrum. Einen Asylantrag wollten sie in Italien nicht stellen, denn sie wissen: Nach der sogenannten Dublin-II-Verordnung muss jeder Flüchtling, der in Europa landet, in dem Land bleiben, in dem er zuerst registriert wurde. So reisten Yasser und seine Familie bei der ersten Gelegenheit weiter. Sie hörten von anderen Flüchtlingen, dass es am Mailänder Bahnhof Menschen gibt, die syrische Flüchtlinge nach Deutschland schleusen. "Von dort kann man Schweden erreichen", sagt Yasser.

Seitdem die Regierung in Stockholm vor ungefähr zwei Monaten ankündigte, dass sie bereit ist, allen syrischen Kriegsflüchtlingen einen humanitären Schutz zu gewähren, ist Schweden zum Synonym für Hoffnung geworden. Viele haben schon Freunde und Verwandte, die dort auf sie warten. Fast 5.000 syrische Flüchtlinge haben in den vergangenen zwei Monaten einen Asylantrag in Schweden gestellt.

Für Yasser und seine Schicksalsgenossen stehen also die Tore ins gelobte Land weit offen. Theoretisch. Denn davor steht eine Reise durch ganz Europa. Und ohne eine Reisegenehmigung ist dies nicht möglich. Um diese zu erhalten, muss man einen Asylantrag stellen. Das aber wollen viele Flüchtlinge nicht tun, weil sie hoffen, so die Dublin-II-Regelung zu umgehen. Allerdings werden ihre Fingerabdrücke bei der Registrierung in Italien in der Eurodac-Datenbank gespeichert, ganz gleich, ob sie dort einen Asylantrag stellen oder nicht. 

Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation: Ausgerechnet die Flüchtlinge, die die gefährliche Reise durch das Mittelmeer hinter sich haben, bleiben in einem legislativen Limbus stecken. Italien will sie nicht, sie wollen nicht in Italien bleiben, doch wenn sie in einem anderen Land erwischt werden, werden sie sofort zurückgeschickt.

Geld, um in Italien zu überleben, haben sie nicht. Was sie hatten, gaben sie den Schleppern, die sie auf klapprigen Booten nach Europa verfrachteten. Hier geraten sie in die Hände anderer Schlepperbanden, die ihnen versprechen, sie unbemerkt in den Norden zu bringen.

Kontrollen am Brennerpass

Mehr als 2.000 Euro verlangte der Mann mit dem Notizbuch von Yasser, um ihn, seine Frau und seine Tochter über die Grenze zu bringen. "Das ist viel Geld", sagt er, "doch wir haben keine andere Wahl." Im Foyer des Bahnhofs sitzen einige Flüchtlinge, die die Reise mehrmals auf sich nahmen. Wenn man mit dem Zug fährt, sagen sie, fällt man der Polizei schnell auf, vor allem wenn Kinder dabei sind. Fast 600 syrische Flüchtlinge wurden in den vergangenen vier Monaten am Brennerpass aufgegriffen. Auch wer es durch die Schweiz probiert, wird umgehend zurückgeschickt, falls er erwischt wird. Viele schwören auf die Frankreich-Route. Dort wurden allerdings kürzlich die Kontrollen ebenfalls verstärkt.

In Deutschland ist das nicht anders. Mehr als 300 syrische Flüchtlinge wurden seit Beginn des Jahres in Deutschland aufgegriffen. Davon warten 230 noch auf eine Überstellung an Italien oder Bulgarien. Kürzlich wurde in Schleswig Holstein ein Bus mit 85 syrischen Flüchtlingen an Bord gestoppt. Sie sollen nach Italien zurückgeschickt werden, die Busfahrer wurden angezeigt. Doch die Flüchtlinge geben nicht auf. Einige von ihnen sind schon beim fünften Versuch.

Eine Polizeistreife zieht durch den Bahnhof. Die jungen Männer bleiben neben der Säule stehen. Die Polizisten fragen die Flüchtlinge nach ihrer Herkunft: "Siria?" Alle nicken. Ein Polizist zieht die Mütze ab und streicht sich mit der Hand über die Haare: "Es ist eine Schande", sagt er. Dann ziehen er und seine Kollegen weiter. Kurz darauf tauchen einige Männer und Frauen in weißen T-Shirts auf. Sie gehören zu Progetto Arca, einem lokalen gemeinnützigen Verein. Dieser verwaltet eins der zwei Aufnahmezentren, die die Stadt Mailand in aller Eile für die Syrer arrangierte. Das eine ist eine Fertigbau-Siedlung am Rande der Stadt, das andere dient normalerweise als Notunterkunft für Obdachlose. Insgesamt bieten sie Unterkunft, Essen und medizinische Verpflegung für 240 Menschen an.