Die Arca-Mitarbeiter fragen die Flüchtlinge nach ihren Bedürfnissen, begleiten sie aus dem Bahnhof. Die jungen Männer bleiben bei der Marmorsäule stehen. Sie wissen, dass die Flüchtlinge bald zurückkommen werden. Die zwei Aufnahmezentren sind seit Ende Oktober überfüllt und schaffen es nur dann, neue Familien unterzubringen, wenn jemand auszieht. Dies geschieht in der Regel relativ zügig: Die Familien bleiben nur zwei, drei Tage. Dann gehen sie wieder zum Bahnhof.

Im ehemaligen Obdachlosenheim in der Via Aldini wimmelt es von Kindern. Immer wieder liefern Menschen aus der Nachbarschaft große Pakete voller Decken, gebrauchten Kleidern oder Spielzeug. In wenigen Tagen konnte der Verein fast 75.000 Kleidungsstücke sammeln.

Man kann dort Mohammed, seine Frau und seine zwei Kinder treffen. Sie kommen aus einem Lager für palästinensische Flüchtlinge in der Nähe von Damaskus. Ihr ganzes Leben sind sie schon Flüchtlinge, sagt Mohammed. Im Februar schafften sie es, durch Ägypten nach Libyen zu kommen. Dort fand Mohammed eine Arbeit, um den Rest der Reise zu finanzieren. 3.000 Euro verlangten die Schlepper, um sie nach Lampedusa zu bringen. Das restliche Geld, etwa 1.000 Euro, sagt er, wurde von der italienischen Polizei konfisziert. Das war am 13. Oktober.

Vier Tage später wurden sie gemeinsam mit anderen Flüchtlingen zu einem Aufnahmezentrum in Apulien gebracht. Dort sprach sie jemand an und gab ihnen den Rat in Mailand mit einem Ägypter Kontakt aufzunehmen. Der nahm sie zu sich nach Hause und kaufte den Kindern Spielzeug und Süßigkeiten. "Er wirkte nett und verständnisvoll", sagt Mohammed. Der Ägypter sagte ihm, er könne die Reise nach Schweden organisieren. 3.500 Euro – und er würde alles regeln. Er verfüge über gute Kontakte in Deutschland.

Mohammeds Bruder lebt schon seit einem Jahr in Schweden. Ein anderer Bruder ist in Russland. Ein Dritter im Libanon. Dem Rat seines Gastgebers folgend, rief der junge Mann seine drei Brüder an und ließ sich über Western Union Geld auf den Namen des Ägypters und zwei seiner Partner überweisen. Der Ägypter brachte dann die Familie zum Bahnhof und sagte zu Mohammed, er würde jemanden schicken, der sie bis nach München bringen würde. Dort würde ihn dann jemand abholen und nach Stockholm bringen. Doch niemand kam.

Kriminelles Netzwerk

Seither ist der Ägypter nicht mehr zu erreichen. Mohammed zeigt die Belege für die Geldüberweisungen: Alle Zahlungsempfänger haben italienische Personalausweise. Die italienischen Behörden vermuten, dass sich in den vergangenen Monaten ein kriminelles Netzwerk bildete, das von Süditalien über Mailand bis nach Deutschland reicht.

Ratlos und ohne Geld versuchten Mohammed und seine Familie mit dem Zug nach Österreich zu reisen. Doch sie wurden am Brennerpass festgenommen und gemeinsam mit zwanzig anderen Syrern zurück nach Mailand geschickt. "Was sollen wir jetzt tun?", fragt Mohammed.

5.000 Kriegsflüchtlinge aus Syrien will die Bundesregierung bis Ende 2013 in Deutschland aufnehmen. Seit Anfang des Jahres nahm das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 8.480 Asylanträge von Antragstellern aus Syrien an. Die Gesamtschutzquote für die Bürgerkriegsflüchtlinge liegt bei 95 Prozent. Im selben Zeitraum landeten laut Angaben des UNHCR mehr als 10.000 syrische Flüchtlinge an der italienischen Küste – bescheidene Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Türkei und Jordanien jeweils 500.000 Kriegsflüchtlinge aufnahmen und Libanon sogar 1,3 Millionen.

Es wird damit gerechnet, dass die Flüchtlingszahlen an Europas Grenzen weiter steigen werden. Die bulgarische Regierung beschloss deshalb kürzlich, dem Beispiel der Griechen zu folgen und eine Mauer entlang der türkischen Grenze zu errichten. Die Lebensumstände der syrischen Flüchtlinge in dem armen osteuropäischen Land, sagt das UNHCR, sind dramatisch.

Auch in Italien ist das Aufnahmesystem nahe am Kollaps. Trotz mehrerer Versprechen der Regierung reicht die Zahl der Schlafplätze bei weitem nicht aus. Inzwischen gibt es Gerüchte, dass die italienischen Behörden im Süden des Landes die Flüchtlinge durchwinken, ohne ihre Fingerabdrücke abzunehmen. So werden Menschen wie Mohammed, Yasser und ihre Familien langsam unsichtbar. Ihre einzige Hoffnung sind die Schlepper: 3.500 Euro für eine Mitfahrgelegenheit, 4.500 Euro für einen gefälschten Ausweis.

Am vergangenen Sonntag war Yasser wieder am Bahnhof. "Morgen geht’s nach Schweden", sagte er. Seitdem ist er auf dem Handy nicht mehr zu erreichen.