Der Beamte Patipan Liew hat damit gerechnet, dass es kein normaler Büro-Tag werden würde. Heute morgen parkte er sein Auto lieber weit weg von seinem Arbeitsplatz, dem thailändischen Arbeitsministerium. Eine gute Entscheidung. Nur wenige Stunden später skandieren Tausende Menschen vor seinem Arbeitsplatz, es gibt kaum ein Durchkommen. Polizisten und Demonstranten sind nur durch ein niedriges Gitter getrennt.

Auch Patipan protestiert gegen seinen Arbeitgeber. Statt brav am Schreibtisch zu sitzen, beteiligt er sich am Aufruhr. "Diese Regierung ist korrupt. Wir wollen, dass der Minister herauskommt und unsere Fragen beantwortet", sagt er. Seine Kollegen, die sich noch im Gebäude befinden, sollten sich den Demonstranten anschließen. "Kommt raus, kommt raus", ruft er immer wieder, gemeinsam mit Tausenden Mitstreitern. Von allen Seiten ziehen Demonstranten in Richtung Ministerium.


Das Arbeitsministerium ist nur einer der Schauplätze, an denen sich in diesen Tagen die politische Zukunft Thailands entscheiden könnte. Die Krise im Urlaubsland hält an, auch am vierten Tag der Massenproteste konnte die Opposition Zehntausende Unterstützer mobilisieren. Am Abend hatten ihre Anführer dazu aufgerufen, alle Behörden zu besetzen. Allein in Bangkok will die Opposition über ein Dutzend Regierungsgebäude belagern, die Regierung soll vollkommen lahmgelegt werden. Erstmals gibt es nicht nur in der Hauptstadt Proteste. Aus mehreren Provinzen melden lokale Medien, dass Demonstranten Behörden besetzen oder belagern. Unter anderem auf der Urlaubsinsel Phuket.

Staatsgewalt und Opposition lächeln sich zu

Vor dem Arbeitsministerium kreuzen die Demonstranten mit einem großen LKW auf. Sie könnten damit das Gittertor einfach durchbrechen, aber der Truck stoppt wenige Zentimeter davor. Es wäre ein Leichtes, die rund 50 Polizisten, die das Gebäude schützen sollen, einfach zu überrennen. Doch die Demonstranten bieten den Einsatzkräften lieber Zigaretten an oder versuchen, sie in ein Gespräch zu verwickeln. "Willst Du nicht nach Hause gehen?", fragen sie die Einsatzkräfte.

Es ist eine verstörende Mischung aus Wut und Ausgelassenheit, die bei den Protesten herrscht. Die Demonstranten sind wild entschlossen, die Regierung zu stürzen. Gewalt lehnen sie aber strikt ab. Es scheint, als wollten sie die Regierung mit ihren Trillerpfeifen wegjagen. Die Regierung wiederum weiß: Sollte sie Gewalt anwenden, würde die Situation außer Kontrolle geraten. Fraglich ist auch, ob die Einsatzkräfte ihr überhaupt noch gehorchen würden. Es fällt den Polizisten schwer, den Rufen der Demonstranten nicht zu antworten. Staatsgewalt und Opposition lächeln sich zu. Auch aus dem Ministerium kommen vereinzelt Pfiffe aus Trillerpfeifen – dem Symbol des Aufruhrs. Die Frage, wer die Macht hat, scheint vor dem Arbeitsministerium genauso ungeklärt wie im Rest des Landes.

Fest in der Hand der Demonstranten ist nur das am Montag gestürmte Finanzministerium. Die Opposition hat das Areal mittlerweile zu einer Art Einsatzzentrale umfunktioniert. Die Stimmung ist gelassen, es sieht ein bisschen so aus wie nach einer großen Party. Im Innenhof haben Helfer eine riesige Bühne aufgebaut, Bands spielen traditionelle thailändische Musik wird oder Elvis' Jail House Rock. Die Organisation ist gut: Helfer teilen Reis mit Hühnchen aus, der Müll wird fein säuberlich weggeräumt. Manche ziehen sogar ihre Schuhe aus, bevor sie das Gebäude betreten. Das passt zu dem Bild, das die Demonstranten von sich geben: Für sie ist es eine Art Aufstand der Anständigen.