Sie sind gekommen, um zu bleiben: Nachdem die Anhänger der Demokratischen Partei in Bangkok das Finanzministerium gestürmt hatten, kündigte Oppositionsführer Suthep Tagsubaan an, eine Bühne auf dem Gelände aufbauen zu lassen. Außerdem rief er die Anhänger dazu auf, sich für die Nacht einzurichten. So spricht keiner, der bald aufgeben möchte.

Thailands Hauptstadt Bangkok stehen unruhige Tage bevor. Wieder einmal. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Stürmung der Ministerien die letzte Eskalationsstufe bleibt. Vor einer jubelnden Menschenmasse forderte Suthep bereits, in den kommenden Tagen weitere Regierungsgebäude zu besetzen. Und seine Anhänger folgen: Mittlerweile soll auch das Außenministerium in der Hand der Demonstranten sein, melden mehrere Nachrichtenagenturen. Sutheps Ziel ist das Chaos, das in eine Staatskrise münden soll. In Thailand ist das ein bewährtes Mittel, Politik zu machen. Viele Demonstranten fordern bereits, dass die Armee einschreitet. Bisher verhält die sich jedoch ruhig und rief die Konfliktparteien zum Kompromiss auf.

Auch wenn das Land formal eine Demokratie ist, spielten Wahlen in seiner jüngeren Geschichte eine eher geringe Bedeutung. Seit der Einführung der konstitutionellen Monarchie kam es bereits 18 zu einem erfolgreichen oder einem versuchten Staatsstreich. Dass sich eine stabile Demokratie etablieren konnte, verhinderte dabei unter anderem ein alter Konflikt, der auch jetzt wieder aufbricht und die Zerrissenheit der thailändischen Gesellschaft zeigt. Die tiefe Spaltung zwischen der wohlhabenden, städtischen Bevölkerung, mit großer Nähe zum Königshaus und der Armee, sowie einer ärmeren Landbevölkerung.

Diesmal demonstriert die städtische Mittelschicht

Auf die Barrikaden geht derzeit die urbane Mittelschicht. Unter den Demonstranten sind auch viele höhere Beamte, Manager und Unternehmer. Sie sind vereint im Hass gegen die Premierministerin Yingluck Shinawatra, die 2011 mit großer Mehrheit demokratisch gewählt wurde. Nur einen hassen sie noch mehr: Yinglucks Bruder Thaksin, der derzeit in Dubai im Exil ausharrt, aber als entscheidender Strippenzieher in der Regierungspartei gilt. Mantrahaft werfen seine Kritiker ihm Korruption und Populismus vor. Bei weiten Teilen der Landbevölkerung genießt er jedoch dank vieler Entwicklungsprogramme große Rückendeckung: Er führte bisher auch die einzige Regierung, die eine ganze Legislaturperiode aushielt – und wurde sogar noch wieder gewählt. 2006 jagte ihn das Militär jedoch mit einem Staatsstreich aus dem Amt und er floh ins Exil.

Auch die aktuelle Krise entzündete sich an Thaksin. Ursprünglich demonstrierte die Opposition nur gegen ein von der Regierung geplantes Amnestiegesetz. Das sollte jene entlasten, die sich während der gewalttätigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre strafbar gemacht hatten – egal, welcher politischen Couleur sie angehörten. Doch die Opposition befürchtet, dass das Gesetz auch den Weg für die Rückkehr Thaksins ebnen könnte. Bereits in den vergangenen Wochen legten immer wieder Zehntausende Demonstranten Bangkoks Regierungsviertel lahm. Zur Mittagszeit verließen Angestellte ihre Bürotürme und bliesen vereint in Trillerpfeifen, der ohnehin schon stockende Verkehr kam immer wieder zum Erliegen.

Der Protest war erfolgreich: Das Gesetz ist mittlerweile so gut wie gekippt. Doch die Opposition hat die Gunst der Stunde genutzt, um den Konflikt weiter anzufachen. Längst geht es den Regierungsgegnern nicht mehr nur um das Gesetz, sondern um den Sturz der verhassten Regierung. Das Argument, dass die aktuelle Regierung doch demokratisch gewählt worden sei, lassen sie nicht gelten. Die amtierenden Machthaber stellen für sie keine demokratische Regierung, sondern würden nur eine Diktatur der Mehrheit anführen. Tatsächlich zeigte sich die aktuelle Regierung bei ihrem Versuch, das umstrittene Amnestiegesetz durch die Institutionen zu peitschen, lange Zeit alles andere als kompromissbereit. Die Wut, die ihr jetzt entgegenschlägt, hat sie deswegen auch selbst zu verantworten.

Noch sind die Demonstrationen weitgehend friedlich. Auch die Staatsgewalt zeigt sich besonnen, sie setzt klar auf Deeskalation. Noch nicht einmal das Finanzministerium wurde trotz eines großen Polizeiaufgebotes verteidigt, sondern den Demonstranten überlassen. Dennoch kann die Stimmung schnell kippen, und die Regierung hat bereits ihre eigenen Anhänger mobilisiert. In einem Stadium etwas außerhalb der Stadt kampieren bereits Tausende der Regierung wohlgesonnenen Rothemden.

Wie geladen die Stimmung ist, musste heute ein deutscher Fotojournalist erfahren. Nachdem Regierungsgegner ihn beschuldigten, ein Sympathisant der Rothemden und der Regierung zu sein, wurde er vom Mob angegriffen und musste daraufhin ins Krankenhaus. Es ist zu befürchten, dass er nicht das letzte Opfer in den kommenden Tagen sein wird.