Zeynep versucht, gelassen zu wirken: "Wenn unser Premier gemischte Wohnheime wirklich verbietet, geht er einen Schritt zu weit", sagt sie. "Immerhin ist die Türkei ein säkularer Staat." Die 20-jährige Studentin lebt in einem Wohnheim der privaten Istanbuler Universität Sabancı. Sie teilt sich den etwa 15 Quadratmeter großen Raum und ein Bad mit einer weiteren Studentin. Zwei Hochbetten stehen an der Wand, darunter jeweils ein Schreibtisch.  Auf dem Gang liegen Aufenthaltsraum und Gemeinschaftsküche. Die männlichen Studenten wohnen zwar im selben Gebäude, allerdings in einem anderen Stockwerk. Zusammen kochen, fernsehen, Besuch von Freund oder Freundin, das alles ist hier kein Problem.

In den Augen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan sind Wohnheime wie dieses ein Sündenpfuhl: "In gemischten Wohnungen könne "alles mögliche geschehen", verkündigte er vergangene Woche. Sie entsprächen nicht dem konservativ-demokratischen Charakter des Landes, der Staat müsse deshalb "intervenieren". Erdoğan will die Geschlechtertrennung nicht nur in Wohnheimen durchsetzen, sondern auch verbieten, dass Studentinnen und Studenten in privaten Wohngemeinschaften zusammenleben. Studentin Zeynep fürchtet, dass die islamisch-konservative AKP-Regierung einen Weg finden wird, den privaten Unis vorzuschreiben, wie sie ihre Studentenwohnheime zu führen haben.

Eine gesetzliche Grundlage für eine solche "Intervention" sehen Rechtsexperten nicht. Vizepremier Bekir Bozdağ erklärte, man würde sich dabei auf den Artikel 58 der türkischen Verfassung berufen: Schutz der Jugendlichen unter anderem vor Alkoholismus, Betäubungsmitteln, Kriminalität und Glücksspiel. Nur, dass es sich bei den meisten Studenten gar nicht um Jugendliche handelt, sondern um Erwachsene.

Eine Frau sollte mindestens drei Kinder haben 

Seit einer Woche bestimmen die Äußerungen des Ministerpräsidenten die Berichterstattung in der Türkei. Wie bei dem umstrittenen Alkoholgesetz, dass unter anderem den Verkauf von Alkohol nach 22 Uhr verbietet, geht es dabei auch um die Rolle der Religion in Staat und Gesellschaft. Die Türkei ist ein streng laizistischer Staat. Für Kritiker ist der Vorstoß des Ministerpräsidenten ein weiterer Beleg dafür, dass die islamisch-konservative Regierungspartei AKP die Islamisierung des Landes vorantreibt.

Schon zuvor hatte Erdoğan immer wieder verkündet, wie die Türken nach seinen Vorstellungen zu leben haben. Er erklärte, dass eine Frau mindestens drei Kinder haben sollte und wetterte gegen Abtreibung und Alkohol. Nicht zuletzt richteten sich die Gezi-Proteste im Sommer auch gegen die wachsende Bevormundung durch die regierende AKP-Partei.

Offenbar setzt Erdoğan nun weiter auf Polarisierung und darauf, dass sich diese für ihn auszahlt, denn im März sind Kommunalwahlen in der Türkei. Doch selbst bekennende AKP-Anhänger wenden sich ab: Die konservative Kolumnistin Nazlı Ilıcak etwa sagte auf CNN, sie habe die Regierungspartei gewählt, doch nun schäme sie sich und glaube auch nicht, dass dieser Vorstoß der AKP Stimmen bringen werde.

Ein Riss geht auch durch die Regierungspartei. Erdoğans Stellvertreter Bülent Arınç hatte nach Erdoğans Äußerung, er werde gegen unehelich zusammenlebende Studenten vorgehen, zunächst beschwichtigt und erklärt, das alles sei ein Missverständnis. Nur um vom Ministerpräsidenten wieder zurechtgewiesen zu werden: Erdoğan bestätigte, er habe das alles genau so gemeint. Arınç, der die AK-Partei mitgegründet hat, forderte den Ministerpräsidenten daraufhin laut Medienberichten auf, die Sache zu klären.