Endlich beginnt der große virtuelle Kampf mit den Aliens in einer riesigen Computersimulation: Auch hier schafft es Ender, die Aliens zu besiegen, indem er erneut einen Großteil seiner Mannschaft opfert – Tausende von Soldaten – und die Heimatwelt der Aliens endgültig zerstört. Erst danach erfährt Ender, was wirklich gespielt wird: Ohne es zu wissen, hat der Junge eine echte Raumschiffarmee angeleitet, die eigenen Truppen in den Tod geschickt und den Planeten des Gegners mitsamt Millionen Bewohnern vernichtet – ein Genozid, der im Film auch so genannt wird.

Nun hat Ender (wie der Romanautor vermutlich auch) doch Gewissensbisse: Er fragt sich, ob die Aliens nicht auch Mütter und Väter hatten, sich geliebt und von einem besseren Leben geträumt haben. Er findet das letzte Ei der fremden Rasse und widmet sein restliches Leben ihrem Wiederaufbau.

Auch wir Amis sahen uns anfangs als Opfer versnobter Bullys: Von der britischen Heimat wurden die dreizehn kleinen Kolonien jenseits des Meeres mit vermeintlich unfairen Gesetzen und Steuern geärgert. Irgendwann boten sie ihrem Bully Großbritannien die Stirn und, obwohl hoffnungslos unterlegen, gewannen sie irgendwie doch. Unter anderem mit Guerilla-Taktik – einer Art zu kämpfen, die den europäischen Armeen völlig fremd war. Die bestanden darauf, sich zu einer bestimmten Uhrzeit gut sichtbar gegeneinander aufzustellen und aufeinander draufzuhauen. Wir brachen die Spielregeln.

Seitdem sind wir Amis fasziniert von Taktik und Technik: von der Idee, sich durch die Manipulation von Dingen, Umständen oder Wissen einen Vorteil zu verschaffen, den wir von Natur aus nicht haben, und dadurch trotz schlechter Ausgangslage zu gewinnen.

Aber Gewinnen reicht nicht. Besser ist es, so zu gewinnen, dass der Gegner nie wieder angreift. Wir haben ein Wort dafür: Overkill. Wenn Truman sagt: "Es reicht nicht, Japan zu besiegen, wir müssen eine Atombombe darauf werfen"; wenn Bush sagt: "Es reicht nicht, in Afghanistan einzumarschieren, solange es andere Diktatoren auf der Welt gibt, sind wir immer noch in Gefahr, also muss auch Irak dran glauben"; wenn Obama sagt: "Es reicht nicht, unsere Feinde auszuspionieren, lasst uns einfach alle ausspionieren, falls sie später zu Feinden werden" – das ist Overkill.

Plötzlich nicht mehr der schmächtige Junge

Irgendwann aber – spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg – war Amerika nicht mehr der schmächtige Junge unter den großen Nationen, sondern der Boss der westlichen Welt. Der Rumgeschubste schubste selbst rum. Mit dem Erfolg kam, wie im Film, die Phase des Erschreckens über sich selbst, die heute mit der anderen, brutalen Sicht konkurriert. Während manche von uns immer noch sämtliche möglichen Bedrohungen am liebsten auslöschen wollen, gibt es andere, die unser eigenes Verhalten hinterfragen: Wie weit ist zu weit? Gibt es eine Alternative zum Overkill, die man gar nicht in Betracht gezogen hat? Ist es noch wert zu gewinnen, wenn man dabei die eigene Menschlichkeit verliert?

Das sind die Fragen, die Ender nicht beantworten kann. Er hat sie nie gelernt. Deshalb verlässt er am Ende des Films seine Welt, um woanders neue Antworten zu suchen. Auch das ist die Geschichte Amerikas. Die Deutschen haben ähnliche Erfahrungen mit dem Overkill gemacht, und seitdem kennen sie denselben moralischen Kampf mit sich selbst. Seit den 1968er-Jahren glauben sie, die Antworten gefunden zu haben und vielleicht stimmt das auch. Wir Amis suchen noch.