Nach dem dritten Anschlag in Folge ist die Stimmung in ganz Russland ziemlich angespannt, besonders natürlich in Wolgograd. Im Internet verbreiteten sich in den vergangenen Stunden immer neue Gerüchte über weitere mögliche Terroranschläge. 

Die Menschen meiden öffentliche Verkehrsmittel und gehen lieber zu Fuß. In den sozialen Netzwerke bitten die Leute einander um Hilfe: Für die Opfer des Terroranschlags wurde aufgerufen, Blut zu spenden, Autofahrer bieten Mitfahrgelegenheiten an. Große Einkaufzentren in Wolgograd wurden geschlossen – laut den russischen Behörden nicht auf Weisung der Polizei, sondern auf Wunsch der Besitzer.  Massenveranstaltungen zum Neujahrsfest wurden abgesagt. Die Gebietsverwaltung von Wolgograd verordnete fünf Tage Trauer.

"Und wo ist Putin?", fragen die Nutzer sozialer Medien und Journalisten. Sie werfen dem Präsidenten, der sich sonst gern als starker Mann inszeniert, vor, dass er noch nicht öffentlich Stellung zu den Anschlägen genommen hat. "Seit zwei Tagen spricht Putin mit seinem Volk durch seinen Pressesprecher", schreibt etwa der Journalist Sultan Sulejmanow auf Twitter.

Bekannt ist nur, dass sich Putin mit dem Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB Alexander Bortnikow getroffen hat.  Bortnikow flog anschließend nach Wolgograd. Putin habe sich auch mit dem Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew getroffen, heißt es von der Kreml-Presseabteilung. Medwedew wiederum habe das Ministerium für Katastrophenschutz und das Ministerium für Gesundheit beauftragt, Hilfe für die Opfer des Terroranschlags zu veranlassen.

Kadyrow fordert härtete Strafen für Terroristen

Einer der ersten Vertreter des Staates, der sich zu den Anschlägen in  Wolgograd geäußert hat, war der Präsident der nordkaukasischen Konfliktregion Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Via Instagram-Account forderte er das russische Parlament auf, Strafen für Terroristen und diejenigen, die Ideen von Terroristen teilen, "unendlich zu verstärken". 

Daneben werden auch Forderungen laut, die sich gegen den Islam richten, sagte Sulejmanow ZEIT ONLINE. Der Journalist stammt aus der nordkaukasischen Republik Dagestan und ist selbst Muslim. Die antiislamische Stimmung nach den jüngsten Terroranschlägen sei aber nicht so stark wie nach dem Anschlag in Wolgograd im Oktober. Damals war ein Terroranschlag von der Frau eines islamistischen Terroristen und Bandenführers begangen worden, die aus Dagestan stammte. "Jetzt ist es noch unklar, wer für die Tat verantwortlich ist. Die Leute sind vorsichtiger mit ihren Aussagen", sagt Sulejmanow.

In Kommentaren und Foren ist die Meinung verbreitet, die Geheimdienste und Sicherheitskräfte hätten die wirklichen Verbrecher aus dem Blick verloren. Das Zentrum für die Bekämpfung von Extremismus, eine spezielle Abteilung des Innenministeriums, sei so beschäftigt mit dem Kampf gegen die Opposition gewesen, dass es die Terroristen übersehen hätte, schreibt der TV-Journalist Pawel Scheremet. "Das ist ein offensichtliches Versagen der Geheimdienste", urteilt auch der russische Journalist und Militärexperte Alexander Golz im Interview mit dem Radiosender Kommersant FM.