"Wir lassen uns nicht einschüchtern", sagt Mohammed Adel und schüttelt den Kopf. "Wir haben keine Angst." Adel, gestreiftes Hemd, kräftige Statur, lässt sich auf den Stuhl fallen, fährt den Computer auf dem Schreibtisch hoch und schaltet sein Handy auf laut. Er müsse jetzt erreichbar sein, sagt er. In diesen Tagen seien alle in Alarmbereitschaft. "Man weiß ja nie, was passiert."

Mohammed Adel ist Sprecher der Jugendbewegung vom 6. April, jener 2008 gegründeten Oppositionsgruppe, die im Januar 2011 die Proteste gegen den langjährigen Machthaber Hosni Mubarak angeführt hatte. Für ihren gewaltlosen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte wurde die Gruppe im gleichen Jahr für den Nobelpreis nominiert.

Jetzt hat Adel in die Büroräume der Organisation eingeladen, in die minimalistisch gehaltene Schaltzentrale der Aktivisten: Ein paar Holztische stehen an den brüchigen Wänden, dazu abgenutzte Stühle, Kabel ziehen sich quer über den Boden. Er wolle über die Lage der Nation reden, sagt Adel, darüber, dass die Stimmung im Land gerade dramatisch umschwenke. "Die Kritik an der Militärführung wächst", sagt er und tippt mit schnellen Bewegungen auf seinem Handy herum. "Die Brutalität der Polizei wird jetzt offen angeprangert. Die Ägypter stehen erneut an einem Wendepunkt."

Ist diese Hoffnung berechtigt? Seit einigen Tagen sind die säkularen Protestler zurück auf Kairos Straßen. Jeden Abend demonstrierten zuletzt Hunderte Anhänger der Demokratiebewegung in der Innenstadt. Doch die Restriktionen der Machthaber werden schärfer. Das Demonstrationsrecht ist von der Übergangsregierung jüngst beschnitten worden. Kundgebungen müssen nun drei Tage im Voraus von der Polizei genehmigt werden. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Geld- oder Gefängnisstrafe rechnen.

Liberale Gruppen rügen das als Beschneidung der freien Meinungsäußerung, auch Menschenrechtsorganisationen bemängeln die Einschränkung. Denn mit diesem Schritt machen die neuen Machthaber klar: Sie wollen nicht nur weiter massiv gegen Islamisten vorgehen, Ägyptens Behörden greifen nun auch härter gegen sämtliche Regierungskritiker durch. Liberale Politiker monieren die Wiederkehr des "tiefen Staates", des Bündnisses von Polizei und Geheimdiensten, wie es jahrelang unter Hosni Mubarak herrschte.

"Der Sicherheitsapparat hat erst die Islamisten gejagt. Jetzt fangen sie die Revolutionäre, die gegen Mubarak gekämpft haben", sagt Mohammed Adel. "Sie wollen sich endlich rächen." Adels Mitstreiter, Ramy Elsayed, der am Nachbartisch Fotos von den Protesten sortiert, ergänzt: "Für uns alle ist klar: Das alte System schlägt zurück." In der vergangenen Woche hatte die Polizei Dutzende Demonstranten mit dem Vorwurf der Anstachelung zur Gewalt festgenommen und schikaniert, so auch 24 Mitglieder der Bewegung 6. April, darunter die prominentesten Aktivisten des Landes, Alaa Abdel Fattah und Ahmed Maher.

Deren Protest richtete sich auch gegen die Gefängnisstrafen für 21 Demonstrantinnen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft in Alexandria. Das Gericht hatte die Frauen wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu Haftstrafen von bis zu elf Jahren verurteilt. Auch wenn die Übergangsregierung wegen des internationalen Drucks mittlerweile eingeräumt hat, die Strafen möglicherweise aufzuheben: Als Zeichen der Lockerung der Repression wertet das hier niemand. "Die Regierung würgt alle kritischen Stimmen ab", sagt Ramy Elsayed. "Dabei verletzt sie immer wieder die Menschenrechte." Er hält kurz inne. "Die Medien betiteln uns alle als vom Ausland bezahlte Terroristen." Seine Gruppe würde nie mit den Muslimbrüdern kooperieren. "Aber im Moment haben wir den gleichen Feind."

Dabei war es nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi durch das Militär Anfang Juli ruhig geworden um die einst so einflussreichen liberalen Kräfte. Grund war eine über Monate anhaltende Hysterie im Land: Die Missbilligung des harten Vorgehens der Übergangsregierung gegen die Anhänger der Muslimbrüder war verpönt, selbst die rabiate Räumung der Protestcamps der Islamisten im August, bei der etwa tausend Menschen umkamen, wurde von weiten Teilen der Bevölkerung als notwendiger Schritt zur "Bewahrung der nationalen Sicherheit" mitgetragen.

Wer sich offen dem von den Medien propagierten "Kampf gegen den Terror" entzog, wurde zum Staatsfeind erklärt oder, wie etliche ausländische Journalisten, inhaftiert. General Abdel Fattah al-Sissi galt bis zuletzt als populärste Persönlichkeit Ägyptens. Die große Mehrheit, so schien es, würde ihn bei den für Mitte kommenden Jahres angesetzten Wahlen gar zum nächsten Präsidenten küren.

Es habe, sagte der ägyptische Politikwissenschaftler und Publizist, Amr Hamzawy, in einem Interview mit ZEIT ONLINE, eine Treibjagd auf all jene gegeben, die zur Versöhnung der beiden verfeindeten Lager aufriefen. Doch scheint sich diese Haltung nun zu ändern: Täglich beteiligen sich mehr Ägypter an den Protesten der Demokraten, in den sozialen Netzwerken kursieren al-Sissi-Karikaturen, einige sprechen von einer möglichen dritten Revolution. Wohin der neue Aufruhr führen wird, kann indes noch niemand abschätzen.

Auch hier im Büro der Bewegung 6. April sagen sie: Viele Mitglieder seien nach Mursis Sturz aus der Gruppe ausgestiegen, weil sie durch den Geheimdienst eingeschüchtert oder von der Familie unter Druck gesetzt worden waren. Versuche, die Aktivisten zu verängstigen, gibt es noch immer. Einer, der sich nun dazusetzt und seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, sagt, es habe eine anonyme Warnung gegeben. Ein Anrufer habe verlangt, Ahmed Maher und Mohammed Adel sollten sich nicht mehr öffentlich über die Ereignisse im Land äußern. Sie alle sollten nicht mehr mit der Presse reden. "Ich habe ihm gesagt: Wir werden mit unserer Arbeit niemals aufhören."

Auch Mohammed Adel zeigt sich unverzagt. Die öffentliche Meinung habe sich geändert. Anfang November hatte der ägyptische Privatsender CBC die Sendung des bekannten TV-Satirikers Bassem Youssef abgesetzt, weil er zuvor Witze über General al-Sissi gemacht hatte. Die Abberufung Youssefs sei für viele wie eine Erweckung gewesen, sagt Adel. "Da haben auch ganz normale Ägypter begriffen: Etwas läuft falsch mit der Regierung." Adel springt auf. Er müsse jetzt los. Seit zweieinhalb Jahren, sagt er noch, kämpfe die Gruppe für Freiheit. Halten die Mitglieder demokratische Strukturen in Ägypten für realistisch? Kopfnicken. "Deshalb arbeiten wir mit der Jugend. Hier liegt unsere Zukunft."