Kabul steht an einem Morgen zum Herbstende mal wieder still: Der Präsident reist ins Ausland, in der afghanischen Hauptstadt werden die Straßen zum Flughafen gesperrt, alle anderen Flüge verschoben. Auch der Luftraum wird für Hamid Karsai frei gemacht, Afghanistans oft missverstandenen Präsidenten.

Der graubärtige, kahlköpfige, hagere Mann hat in seinen letzten Amtstagen wohl so viel Einfluss wie noch nie. Als er am 4. Dezember 2001 in Petersberg bei Bonn zum Präsidenten der Übergangsregierung ernannt wurde, war er nur einer von vielen Clanchefs und nur einer von mehreren Anführern im Kampf gegen die Taliban. Viel wurde über diesen Präsidenten gespottet. Als Bürgermeister von Kabul wurde er bezeichnet, weil seine Macht kaum über die Stadt hinausreiche. Als Marionette der Amerikaner wurde er beschimpft, weil er von seinen Freunden in Washington abhängig sei.

Doch nun, kurz bevor Karsais letzte Amtszeit endet, erweisen sich nicht nur manche der Spitznamen des Präsidenten als falsch. Der afghanische Staatschef widersetzt sich seinem Kollegen in Washington in mehreren wichtigen Fragen. Im Dezember besuchte Karsai ausgerechnet das Nachbarland Iran, den Erzfeind Washingtons. Den Protest aus den USA ignorierte Karsai einfach. Eine Lame Duck, ein gelähmter Amtsinhaber, in seinen letzten Tagen, ist der afghanische Präsident bei Weitem nicht.

Was passiert, wenn die Kampftruppen 2014 abziehen?

Das zeigt sich auch in der wichtigsten Streitfrage zwischen Afghanistan und den USA. So kämpfte Karsai offen und aggressiv mit der Regierung in Washington um die künftige amerikanische Truppenstationierung in seinem Land. Die Amerikaner wollen, wie auch die anderen westlichen Partner,ihre Kampftruppen 2014 abziehen, aber mit anderen Einheiten bleiben. Sie planen, weiterhin Flugplätze wie das Airfield Bagram und Feldlager zu nutzen. Die Afghanen wollen jedoch den künftigen Aufenthalt der US-Soldaten im Land selbst regeln.

Für Empörung sorgt überdies die Forderung der Amerikaner nach Immunität für ihre eingesetzten Soldaten. Bei Kriegsverbrechen sollen sie vor ein amerikanisches Militärgericht kommen und nicht von der afghanischen Justiz abgeurteilt werden. Viele einflussreiche Stimmen in Afghanistan fordern daher den raschen und kompletten Abzug der "Besatzer". Sie erinnern an Koranverbrennungen durch US-Soldaten, Bombardierungen von Hochzeitgesellschaften und andere Massaker. Karsai kennt diese Stimmung und verbalisiert sie. Den amerikanischen Forderungen will er nicht mehr so einfach nachgeben. Längst geht es ihm auch um seinen Platz in den afghanischen Geschichtsbüchern.

Karsai weiß aber auch, dass sein Land ohne die internationale Unterstützung und vor allem ohne die Milliarden an Entwicklungsgeldern schnell wieder unter die Kontrolle von Fundamentalisten fallen wird. Er muss also weiter um das Engagement des Westens werben, muss aber gleichzeitig aufpassen, dass seine Landsleute die Beschlüsse mittragen. Schließlich lässt sich in Afghanistan mit seiner komplexen Stammesstruktur nicht einfach autoritär durchregieren.