Dankbarkeit ist keine Kategorie der Politik. Und doch verblüfft und verbittert es die Regierungen des Westens, wie der afghanische Präsident Hamid Karsai mit ihnen umspringt. Ein Jahr, bevor die Nato ihre Kampftruppen aus seinem Land abziehen wird, erweckt Karsai den Eindruck, als könne er das Ende ihrer Mission nicht erwarten.

Dabei wäre Karsai ohne die Präsenz des westlichen Militärs nie ins Amt gekommen und hätte sich gewiss nicht zwölf Jahre darin gehalten.

Nein, um Dankbarkeit geht es nicht. Um Klugheit schon. Wie stellt sich Karsai die Zukunft seines Landes nach dem Nato-Abzug vor? Glaubt er, die afghanische Armee werde sich gegen die Taliban aus eigener Kraft behaupten?

Richtig ist: Der Westen hat aus höchst eigenem Interesse am Hindukusch interveniert. Al-Kaida sollte nach dem 11. September 2001 keinen Rückzugsort mehr haben, von dem aus das Terrornetzwerk weitere Anschläge vorbereiten konnte. Es ging um westliche Sicherheit, nicht um afghanische Demokratie.

Obwohl, um die ging es natürlich auch. Um Wahlen, um den Schutz der Frauen, die Ausbildung der Mädchen, um minimale Verbesserungen im Kampf gegen Drogenhandel und Korruption. Die Frage, wie realistisch dies alles sei, hat die Intervention in Afghanistan von Beginn an begleitet.

Und auch diese Frage: Was wird von all den kleinen, mühsamen Fortschritten bleiben, wenn Afghanistan wieder auf sich selbst gestellt ist?

Auf Karsai wollte dabei schon lange niemand mehr bauen. Nach allerlei früheren Vorwürfen und Verwünschungen an die Adresse Washingtons und der Nato weigert er sich derzeit, das bereits ausgehandelte bilaterale Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterschreiben. Das will er seinem Nachfolger überlassen, der im April gewählt werden soll.

Die Amerikaner – und ihre Verbündeten – wollen aber wissen, wie es nach 2014 weitergehen soll. Bisher plant die Nato, nach dem Abzug der Kampfeinheiten etwa 8.000 bis 12.000 Soldaten zu entsenden, die das afghanische Militär ausbilden und unterstützen sollen. Dafür müssen Gelder bewilligt, müssen logistische Vorbereitungen getroffen werden. Dies alles hängt derzeit in der Luft. Entsprechend schlecht ist die Stimmung, ganz besonders im amerikanischen Kongress.

Carl Levin, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses im US-Senat, hat Karsai bereits gewarnt, er solle nicht dem "Irrtum erliegen, die Vereinigten Staaten brauchten Afghanistan mehr als Afghanistan die Vereinigten Staaten".

Wie ramponiert das Verhältnis zwischen Washington und Kabul ist, zeigte sich am vergangenen Wochenende. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel war in der afghanischen Hauptstadt, aber den Präsidenten traf er nicht. "Ich habe um kein Treffen mit Präsident Karsai gebeten", sagte Hagel lapidar. "Und ich habe auch keine Einladung erhalten, ihn zu treffen."

Stattdessen reiste Karsai am Sonntag nach Teheran. Mit den Iranern vereinbarte er eine engere Zusammenarbeit, ausdrücklich auch in Sicherheitsfragen. Mit Indien hat Afghanistan bereits ein Partnerschaftsabkommen abgeschlossen, auch China bietet Geld und Hilfe an.

Im Prinzip ist das alles vernünftig. Auf die Dauer kann es Frieden in und mit Afghanistan nur bei aktiver Beteiligung aller regionalen Mächte geben. Allerdings decken sich deren Interessen nicht, im Falle Indiens und Pakistans widersprechen sie sich sogar diametral.

Karsai muss daher wählen: Will er auch nach 2014 Nato-Soldaten im Land haben? Oder glaubt er, ohne westliche Hilfe auskommen zu können. Dann würden Amerikaner und Europäer nicht nur keine Ausbildungstruppen mehr an den Hindukusch entsenden; sie würden auch Entwicklungshilfe in Milliardenhöhe streichen. Das wäre dann die Zero Option, wie es im Nato-Jargon heißt.

Im Westen gäbe es  für die Nulllösung vermutlich viel Beifall. Nur raus aus Afghanistan! Das ist dort längst Mehrheitsmeinung, auch im kriegsmüden Amerika.

Es wäre das bittere Ende eines von Beginn an wegen seiner Grausamkeit und wegen der ungewissen Erfolgsaussichten umstrittenen Krieges. Spätestens dann aber würde sich noch einmal sehr massiv und sehr peinigend die Frage stellen: War es die Opfer wert?