Nach den Drogenbanden kommt der Kommerz – Seite 1

Im Fernseher von Bira Carvalho laufen die Nachrichten; sie berichten von einem Polizeieinsatz in der Favela Macacos. Drogenhändler werden gejagt, es gab eine dramatische Schießerei, "die Operation geht weiter", schließt die Fernsehjournalistin ihren Bericht ab und klingt dabei recht zufrieden. Carvalho dreht den Apparat etwas leiser und schaut aus traurigen Augen herüber.

"Diese Gewalt, die Sie dort sehen, das ist nur die allerletzte Stufe. Die jungen Leute, die so etwas tun, haben doch schon ein Leben voller Gewalterfahrungen hinter sich, in der Schule, in den Familien", sagt er leise. "Dann ist es kein Wunder, wenn Sie sich eine Knarre nehmen."

Bira Carvalho redet über diese Dinge nicht einfach so dahin; er lebt selber in einer Favela, in der größten und auch der gewaltsamsten von Rio de Janeiro. Im Komplex Maré, eine Masse schlicht zusammengemauerter Häuschen zwischen zwei Flughafen-Zubringern, machen sich Drogenbanden und eine Milizengruppe regelmäßig das Territorium streitig, und einmal pro Tag fährt die Polizei mit einem schwarzen Panzer durch die Straßen, sie nennen das Patrouille. Wenn sie zu Fuß kommen, ist es noch schlimmer: Voller Angst und voller Aggressionen, schwer bewaffnet, treten die Polizisten Türen ein und bedrohen harmlose Passanten mit Gewalt, manchmal lassen Beamte sogar ein paar Turnschuhe oder ein Schmuckstück mitgehen.

Vier Wachen will die Polizei in Maré errichten

Carvalho kennt in diesem Viertel die Vertreter der Polizei genauso wie die der Banden; er gehört zum Straßenbild in diesem Teil der Maré, der massige schwarze Mann, der mit kräftigen Oberarmen seinen Rollstuhl durch die schlechten Straßen schiebt, seit vor zwei Jahrzehnten eine herumirrende Polizeikugel sein Rückenmark durchtrennte. Er mag keine Details darüber erzählen, wie das damals kam. Heute ist Carvalho Rentner, Hobbyfotograf und Chronist seines Viertels, er engagiert sich für Sozialprojekte. Einmal ist er sogar zur Polizei gefahren, um einen Kurs über das Sozialgefüge in der Favela zu geben. Da war er noch voller Hoffnung, dass die brutalen Übergriffe mancher Polizisten nur auf Verständigungsschwierigkeiten beruhen.

Carvalho weiß, dass das Leben hier im kommenden Januar, Februar oder März ganz anders werden soll. Die Polizei hat angekündigt, die Herrschaft über die Maré zu übernehmen; sie ist auf der Liste der Favelas, die bis zur WM von sogenannten Pazifizierungseinheiten der Polizei besetzt werden sollen. Die Drogenbosse sollen vertrieben werden, vier Wachen will die Polizei errichten. In 36 von 500 Favelas der Stadt ist das schon so.

"Aber was meinen Sie denn, wer daran  verdient?" fragt Carvalho und macht eine Kunstpause. Ja richtig, natürlich gehe es um die WM. Da will sich die Regierung kein Bandenkriegsgebiet gleich neben dem Flughafen leisten. "Aber es geht auch noch um etwas anderes, natürlich, um den Kommerz", fügt er hinzu. "Wenn die Drogenhändler erst weg sind, können Sie das ganze Viertel in einen großen Markt verwandeln."

Das ist, ehrlich gesagt, eine steile These. Draußen, vor der Tür, spielt schon heute das pralle Leben: Bierlaster und Gasflaschenlaster fahren durch die engen Gassen und quälen sich um Marktstände, Fast-Food-Büdchen und die gelben Plastikstühle der Kneipen herum; es gibt Verkaufsstände für Handyzubehör und Tierbedarf und Textilien und Batterien.

Für die Drogenbanden zu arbeiten, heißt auch, akzeptiert zu werden

Aber Carvalho meint die Erfahrung, die bei allen "Pazifizierungen" der vergangenen Jahre gemacht wurde: Da hat die Polizei erst einmal die illegal gelegten Abzweigungen von den Stromleitungen und vom Kabelfernsehen gekappt, und dann kamen die Elektrizitätswerke und die Kabel- und Satellitenfirmen in die Armutssiedlungen und verkauften den Anwohnern ihre Dienste. Ein Handel mit Grundstücken kommt auf, die Bierbuden bieten plötzlich teurere Gerichte an. Carvalho sagt: "Diese Militarisierung – denn eine Pazifizierung kann man das nicht nennen! – eröffnet ganz neue Möglichkeiten des Kommerzes. Und darum geht es."

Er öffnet seinen abgewetzten schwarzen Nike-Rucksack, und heraus kommen drei Bücher: Plato, eine Marx-Engels-Edition, Der Fürst von Machiavelli. "Ich lese viel, um alles zu verstehen", sagt er und steckt die Bücher wieder weg. Aber ist es denn unter den Drogenbanden nicht auch immer um das Geld gegangen, um den ganz schnellen Reichtum gar? Carvalho nickt nachdenklich, "die jungen Leute sind sehr begierig auf Materielles. Wollen Goldschmuck, teure Kleidung, ihren Freundinnen Silikonbusen einsetzen". Er hält inne. "Aber eigentlich trifft es das auch wieder nicht nicht. Für die Drogenbanden zu arbeiten, das heißt auch, irgendwo akzeptiert zu werden, endlich einmal. Status in der Gemeinschaft zu genießen. Leichter Frauen zu finden. Es ist niemals nur das Materielle, das einen Menschen zufrieden macht."

Draußen, auf der Straße, ist Lärm ausgebrochen; Knallkörper hallen durch die Luft. "Die Polizei hat ihre Patrouille begonnen", sagt Carvalho, ohne extra aufzuschauen. Er weiß, dass die Knallkörper von den Wächtern der Banden auf den Dächern gezündet werden; zur Warnung der Dealer, das ist ihr Job, wenn eine Razzia kommt. Wie funktioniert das? Sitzen die auf allen Dächern, oder nur an den Eingängen zur Favela? Warum kann man sie von unten nie sehen? "Das werde ich Ihnen nicht sagen", erwidert Carvalho barsch. "Ich werde doch hier nicht die jungen Leute in Gefahr bringen!"