Sein Gesicht wirkt schmal, die Schläfen sind inzwischen ergraut, er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover. Michail Chodorkowski hat seine erste Nacht in Freiheit verbracht. Vor zwei Tagen schlief der russische Regimekritiker noch im Straflager in Karelien. Heute früh ist er im Berliner Luxushotel Adlon aufgewacht. Zehn Jahre Gefangenschaft sind vorbei. In einer Suite im Adlon hat der ehemals reichste Mann Russlands sein erstes TV-Interview nach seiner Freilassung gegeben.

In den vergangenen Jahren habe Chodorkowski nur drei Nächte im Quartal in einem normalen Bett schlafen dürfen, sagte er dem Moskauer Politikmagazin The New Times . Chefredakteurin Jewgenija Albaz sprach mit Chodorkowski unter anderem über seinen Alltag im Lager. Auf der Homepage der Zeitung ist bisher nur ein einminütiger Ausschnitt des Interviews zu sehen. Chodorkowski kündigte auch an, sich für andere Gefangene einzusetzen. "Es gibt noch viel zu tun, die Freilassung der Geiseln, die noch im Gefängnis sind, vor allem Platon Lebedew." Lebedew war sein Geschäftspartner und wurde mit ihm verurteilt.

Ebenfalls am heutigen Samstag hatte Chodorkowski sich mit seinem ältesten Sohn getroffen. Die krebskranke Mutter und der Vater waren am Morgen mit einer Linienmaschine aus Moskau gelandet. Beim Wiedersehen soll es viele Tränen gegeben haben. 

Keine schnelle Rückkehr nach Russland

Aber nicht nur seine Familie will ihn nach zehn Jahren Haft endlich wiedersehen. Mit der deutschen Abgeordneten Marieluise Beck hatte Chodorkowski ebenfalls einen Termin. Die Sprecherin für Osteuropapolitik der Grünen erklärte nach dem Treffen, dass Chodorkowski nicht an eine rasche Rückkehr nach Russland denke. Dies stehe "nicht auf der Tagesordnung", so die Politikerin. Sie lobte Chodorkowskis "große Ruhe, die große Gelassenheit, eine große Besonnenheit, auch in der Bewertung dessen, was er erlebt hat und was zu tun ist für andere". Der Begnadigte sei körperlich in guter Verfassung, er habe "einen überaus klaren Kopf, wie immer", sagte Beck. Das Treffen mit ihm sei "ein bisschen wie ein Märchen gewesen".

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher , der Chodorkowskis Ausreise nach Berlin eingefädelt hatte, will sich hingegen von nun an zurückhalten. "Chodorkowski wird nun sein eigenes Leben gestalten", sagte der FDP-Politiker.

Putin: Chodorkowski darf jederzeit zurück

Ein Sprecher des russischen Präsidenten Putin stellte inzwischen klar, dass der frühere Ölmagnat jederzeit wieder in seine Heimat zurückkehren könne. "Er ist frei, nach Russland zurückzukehren. Absolut", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.   

Inzwischen hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Details über die Vermittlungsaktion veröffentlicht. Demnach traf Exaußenminister Genscher , der maßgeblich an der Begnadigung Chodorkowskis beteiligt war, Putin im Juni 2012 in Berlin auf dem Flughafen Tegel. Putin war damals nach seiner Wiederwahl zu einem Antrittsbesuch in Deutschland. Das Treffen habe unbemerkt von der Öffentlichkeit stattgefunden.

Anfang des Jahres habe Genscher Putin dann ein zweites Mal in Moskau getroffen. Das Kanzleramt und der Botschafter in Moskau hatten zwischen den beiden vermittelt. Als Putin Chodorkowski dann am Freitag begnadigt hatte, erlaubte er den Piloten des Privatflugzeugs, das den Regimekritiker nach Deutschland holen sollte, ohne Visum nach Russland fliegen zu dürfen. Das Flugzeug gehörte dem Sauerländer Unternehmer Ulrich Bettermann, der mit Genscher befreundet ist.   

Am Sonntag will Chodorkowski gegen 13 Uhr auf einer Pressekonferenz im Mauermuseum am Checkpoint Charlie zum ersten Mal vor die Öffentlichkeit treten. Das Interesse der Medien ist groß. Mehrere Fernsehsender wollen die Pressekonferenz live übertragen, auch nach Russland. Chodorkowski hat angekündigt, sich auch zu seinen Zukunftsplänen zu äußern.