Der nach seiner Haftentlassung nach Deutschland gereiste russische Regierungskritiker Michail Chodorkowski wird nach Angaben von Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher am morgigen Samstag in Berlin seine Familie treffen. "Vor allem freut er sich darauf, dass er seine Familie in wenigen Stunden wie erhofft in seine Arme schließen kann", sagte Genscher in den ARD-Tagesthemen. Dem Regierungskritiker gehe es nach zehn Jahren Haft den Umständen entsprechend gut. 

Welche Pläne Chodorkowski habe und ob er in Deutschland bleiben wolle, wisse er nicht, sagte Genscher. Der Regimekritiker wolle sich jetzt nach zehn Jahren Haft ein paar Tage Ruhe gönnen und werde sich sicher dann äußern. "Ich glaube, dass er jetzt erst mal durchamten wird", sagte der frühere Bundesminister. In deutschen Regierungskreisen hieß es, Chodorkowski könne sich in Deutschland frei bewegen und habe hier hinreichend Zeit, sein neues Leben in Freiheit zu planen. Am Flughafen hatte er eine vom Land Berlin ausgestellte Einreisegenehmigung bekommen, die ihm ein Jahr lang Reisen im Schengen-Raum ermöglicht.

Kanzlerin Angela Merkel begrüßte die Chodorkowskis Freilassung und dankte dem ehemaligen Außenminister für seine Hilfe. Der FDP-Ehrenvorsitzende hatte sich für die Freilassung des ehemaligen Oligarchen eingesetzt und ihn am Nachmittag am Flughafen Schönefeld in Empfang genommen. Genscher hatte ein Privatflugzeug für die Reise des 50-Jährigen nach Berlin mit organisiert.

Chodorkowski war am Morgen nach zehnjähriger Haft aus einen Straflager nahe der finnischen Grenze entlassen worden. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte ihn begnadigt. Chodorkowski hatte mitgeteilt , er habe wegen der Krebserkrankung seiner Mutter aus "familiären Gründen" das Gnadengesuch gestellt. Damit sei aber kein Schuldeingeständnis verbunden. Putin begründete die Freilassung mit humanitären Gründen. 

Familie reist nach Berlin

Chodorkowskis Mutter ist nach eigenen Angaben im Moment in Russland , sie wird aber morgen in Berlin erwartet. In einem Gespräch mit Spiegel Online sagte Genscher, Chodorkowski sei gar nicht klar gewesen, dass seine Mutter schon wieder nach Moskau zurückgekehrt sei. Sein Sohn Pavel ist nach Angaben eines Aktivisten in Moskau bereits auf dem Weg nach Berlin.

Genscher sagte in der ARD, er sei sehr dankbar für den Gnadenakt des russischen Präsidenten. "Das ist ein wichtiges Signal – und auch ein ermutigendes sicher auch für andere, die auf einen solchen Akt noch hoffen." Er glaube nicht, dass die Freilassung eine Inszenierung sei. "Es wird sicher eine ernsthafte Prüfung unter Berücksichtigung aller Aspekte gewesen sein", sagte Genscher. Er würde dies "nicht nur von opportunistischer Seite her betrachten".

Politische Beobachter sehen in der Wende im Fall Chodorkowski den Versuch des Präsidenten, der Kritik am Umgang mit Menschenrechten rund einen Monat vor dem Start der olympischen Winterspiele in Sotschi entgegenzutreten.

Umweltaktivist in Russland zu drei Jahren Haft verurteilt

Merkel wie auch Genscher hatten sich in den vergangenen Jahren mehrmals bei Putin für die Freilassung des ehemals reichsten Manns Russlands eingesetzt. Noch vor der Ankunft Chodorkowskis hatte die Kanzlerin in der Nacht zu Freitag in Brüssel am Rande des EU-Gipfels mit Blick auf ihr Verhältnis zu Putin erklärt, es werde "weitere Diskussionen über andere Punkte geben, in denen wir sicher noch unterschiedliche Meinungen haben". Zwischen Russland und Deutschland ist es immer wieder zu deutlichen Meinungsverschiedenheiten in Menschenrechtsfragen gekommen.

Zeitgleich zur Freilassung Chodorkowskis wurde der russische Umweltaktivist Jewgeni Witischko zu drei Jahren Straflager verurteilt. Ein Gericht wandelte die ursprünglich zur Bewährung ausgesetzte Strafe gegen Witischko, dem vorsätzliche Zerstörung von Eigentum vorgeworfen wird, in eine Haftstrafe um. Das teilte seine Gruppe Environmental Watch am Freitag mit. Witischko soll mit einem anderen Mann an einer Villa des Gouverneurs der Region Krasnodar, Alexander Tkaschew, Protestplakate angebracht haben, weil das Gebäude ihrer Meinung nach ohne gesetzliche Grundlage errichtet worden war.