Wie in einem Actionfilm stürmen vor zehn Jahren vermummte Einsatzkräfte den Privatjet des Milliardärs Chodorkowski. Der offizielle Vorwurf: Steuerhinterziehung. Chodorkowski war 40 Jahre alt und der reichste Mann Russlands, als er 2003 verhaftet wurde. Zehn Jahre später wird er durch einen Gnadenerlass von Präsident Wladimir Putin freigelassen. Er verließ am Freitag im Alter von 50 Jahren mit dem Helikopter das Straflager nahe der finnischen Grenze und reiste zu seiner an Krebs erkrankten Mutter nach Deutschland.

Chodorkowski wurde im Jahr 2005 wegen Steuerhinterziehung zu neun Jahren Haft verurteilt. In einem zweiten Verfahren sprach ein Gericht den ehemaligen Oligarchen wegen Unterschlagung schuldig.


Beobachter waren schon bei der Festnahme vor zehn Jahren überzeugt, dass tatsächlich andere Beweggründe hinter der Inhaftierung des Kreml-Kritikers standen. Mit Chodorkowskis Verurteilung und der Zerschlagung seines Ölkonzerns Jukos ließ Putin ein Exempel statuieren. Zugleich festigte er seine Macht und verstärkte die Kontrolle des Staates über den Energiesektor. Die lukrativsten Jukos-Vermögenswerte gingen an den staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft .

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung belief sich das Vermögen des damals 40-jährigen Chodorkowski auf umgerechnet etwa elf Milliarden Euro. Während Putins erster Amtszeit als Präsident finanzierte Chodorkowski nicht nur Oppositionsparteien, ihm wurde auch nachgesagt, selbst politische Ambitionen zu hegen. Damit brach Chodorkowski eine Art stillschweigende Übereinkunft zwischen Kreml und Oligarchen: Die Regierung kümmert sich nicht um die teils fragwürdigen Umstände der Privatisierungen, die die Wirtschaftsmagnaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unglaublich reich gemacht hatten. Im Gegenzug halten sich diese aus der Politik heraus.

Chodorkowski kämpfte seit Längerem auch vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gegen die Urteile, die auch von der Bundesregierung und den USA kritisiert wurden. Er wollte beweisen, dass ihn die Strafjustiz aus politischen Gründen verfolge. Bestätigt haben die europäischen Richter die Vorwürfe bis heute nicht, sie stellten jedoch mehrmals Verstöße gegen Chodorkowskis Grundrechte fest.

Immer wieder hatte der Kreml dem Dissidenten eine Begnadigung in Aussicht gestellt, sollte Chodorkowski ein Schuldeingeständnis ablegen. Doch er wies die Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Öldiebstahls als politisch inszeniert zurück.

Viele Russen sahen Chodorkowski lange Zeit als zwielichtigen Multimilliardär, der in der neunziger Jahren praktisch über Nacht zu Reichtum kam, in der Haft wandelte sich dieses Bild zum Regime-Kritiker und Oppositionellen. Dabei halfen auch die Bücher, die er in dieser Zeit verfasste sowie eine mit viel Geld betriebene weltweite PR-Maschinerie.

Chodorkowski sei jetzt eine "moralische Instanz", sagt beispielsweise die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa. Sie vergleicht Chodorkowski gar mit Václav Havel und Andrej Sacharow .

Alexejewa sagt aber auch, dass dieser Weg nicht vorgezeichnet gewesen sei. Aber der harte Alltag im Straflager habe ihn zur Galionsfigur für all diejenigen Russen gemacht, die sich nach mehr demokratischen Freiheiten sehnen. Der frühere Oligarch, inzwischen mit internationalen Preisen bedacht, setzt sich in Schriften seit Langem auch für eine Einigung der zersplitterten Opposition ein.

Charisma und ausgeprägte Führungsqualitäten bescheinigt ihm etwa die Journalistin Natalija Geworkjan. Gerade das mache Putin Angst.