Am Donnerstag saß er noch im russischen Straflager ein, am Freitag nächtigt er im Berliner Hotel Adlon. So jäh sein Absturz vom Chef der Ölfirma Yukos und reichsten Mann Russlands zum politischen Häftling war, so abrupt kam das Ende der Haft. Nach gut zehn Jahren ist Michail Chodorkowski frei – und reiste ausgerechnet nach Deutschland.

Sein Ziel Berlin löste in Moskau Überraschung, aber kaum Befremden aus. Denn die Haltung eines großen Teils der Politiker in Deutschland zum Fall Chodorkowski ist bekannt. Nicht zuletzt die Kanzlerin Angela Merkel hat mehrfach für die Freilassung des gefallenen Exoligarchen ein Wort eingelegt. In Moskau ist zuvor genau beobachtet worden, wie deutlich Merkel im Konflikt um den Kurs der Ukraine zwischen EU und Russland gegen Moskau Stellung bezogen hat. Da bestehen keine Illusionen mehr im Kreml. Aber Putin ist auch Staatsmann genug, um die bilateralen Beziehungen nicht zu sehr leiden zu lassen – weder wegen der Ukraine noch wegen Chodorkowski.

Wie aber kam es zur sensationellen Begnadigung des "Kremlgegners Nr. 1"? Wenig ist bisher bekannt. Nach Berichten der renommierten russischen Tageszeitung Kommersant habe es vor der Freilassung mehrere Treffen von Geheimdienstmitarbeitern mit Chodorkowski im Straflager nahe der finnischen Grenze gegeben. Die staatlichen Besucher sollen dem Gefangenen vom verschlechterten Gesundheitszustand seiner fast 80-jährigen, krebskranken Mutter und von einem dritten Strafverfahren erzählt haben, das bald gegen ihn eingeleitet werde. Diese Argumente hätten Chodorkowski, so zitiert die Zeitung ihre ungenannten Quellen, vom Gnadengesuch überzeugt. Zuvor hatte er jedes Gnadengesuch von sich gewiesen.

Chodorkowski scheint politisch kaum noch gefährlich

Auch die Ausreise ist ein unerwarteter Schritt. Noch im Tagesverlauf vermuteten russische Beobachter, Chodorkowski werde sich erst einmal mit seinen Eltern treffen und in Russland Ruhe suchen. Denn er hat zuvor immer betont, sein Land nicht verlassen zu wollen. Schon vor seiner Verhaftung im Oktober 2003 hatte er alle Zeichen, dass die Strafverfolgungslawine auf ihn zurollt, ignoriert. Dabei mag Hybris, von der manche enge Bekannte später berichteten, eine Rolle gespielt haben. Aber es war auch der Wunsch, nicht einfach aus der Heimat wegzulaufen.

Noch ist unklar, wie lange Chodorkowski in Berlin bleiben will und ob er später in die Schweiz zu seiner Ehefrau Inna oder nach New York zu seinem Sohn Pawel weiterreist. Und kehrt er je nach Russland zurück? Ein stilles Abkommen mit dem Geheimdienst ist denkbar: Chodorkowski darf in Russland leben, solange er sich nicht politisch betätigt. Als züchtigende Drohung würde die Eröffnung eines dritten Prozesses über ihm schweben. Wenn es eine solche Abmachung gibt, belegt sie, warum Putin Chodorkowski freiließ. Nicht nur wegen des bevorstehenden persönlichen Triumphereignisses des Präsidenten, der Winterolympiade in Sotschi, sondern auch, weil der frühere Milliardär politisch kaum mehr gefährlich erscheint.

Auf alle Fälle trägt seine Freilassung Züge einer Spezialoperation. Über das Gnadengesuch waren offenbar nicht einmal seine Verwandten und Anwälte informiert. Die Freilassung geschah als Blitzaktion – als sich die Journalistenschar am Freitagmorgen vor den Toren des Straflagers versammelte, war der berühmteste Gefangene Russlands schon weg. Ein Reisepass, auf den russische Bürger oft monatelang warten müssen, lag bereit. Es sieht so aus, als ob Putins Russland sich erst einmal gerne des Exgefangenen entledigte und das Gnadengesuch zugleich als Schuldeingeständnis annahm, obwohl sich Chodorkowski auf die Krankheit der Mutter bezog.