Israels Waffen – im Einsatz getestet

Shimon Naveh steigt durch ein Loch in einer Betonwand und lacht. Er lacht oft und laut und herzlich, wenn er erzählt. Dabei ist das, was er zu erzählen hat, nicht zum Lachen. Gerade steht er in einer künstlichen Stadt, in deren Straßenzüge Israels Soldaten den nächsten Einsatz trainieren. Shimon Naveh, großgewachsen, kahlköpfig, durchtrainiert und Militärphilosoph der israelischen Armee, erzählt, wie man hier den Häuserkampf revolutionierte.

Statt die Soldaten durch die Straßen laufen zu lassen, wo sie ein leichtes Ziel abgeben, habe man eine neue Strategie ersonnen: durch die Häuser hindurch. Löcher in die Wände schlagen, von Haus zu Haus vorarbeiten, den Gegner auf die offene Straße zwingen. Inmitten des Trainingsgeländes, mit arabischen Graffiti an Wänden und einer nachgebauten Moschee, erklärt der Armeephilosoph Naveh den modernen Krieg. Sein Zuhörer war selber drei Jahre lang in der israelischen Armee: Der investigative Journalist und Regisseur Yotam Feldman spürt in seinem Film The Lab (Das Labor) nach, wer von den ständigen Einsätzen der israelischen Streitkräfte profitiert – und wie sie das Land verändern.

Israel sei weltweit führend im Kampf gegen Aufständische und Terroristen, sagt Naveh. "Seit dem 11. September kauft alle Welt bei uns, weil unsere Waffen und Systems alle schon getestet sind." Getestet in den palästinensischen Gebieten, wo auf dichtem Raum rund 4,3 Millionen Menschen leben. Ob Operationen wie "Gegossenes Blei" 2008/2009 oder "Wolkensäule" 2012 im Gazastreifen, Luftschläge gegen syrische Ziele in diesem Jahr oder Kommandounternehmen gegen die Hisbollah im Libanon – die israelische Armee befindet sich seit Jahrzehnten ständig im Einsatz.

Auch deswegen gehört Israel zu den am stärksten militarisierten Staaten der Welt. Das renommierte Internationale Zentrum für Konversion aus Bonn (BICC) führt Israel im Jahr 2013 auf dem ersten Platz seines Globalen Militarisierungsindexes. Das Land gibt 6,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) für sein Militär aus – die Gesundheitsausgaben liegen mit 7,7 Prozent knapp darüber. In Deutschland – zum Vergleich – werden 1,4 Prozent des BIP für das Militär aufgewendet.

In seinem Dokumentarfilm greift Feldman die These des Armeephilosophen Naveh auf: Die Palästinensergebiete seien für die israelische Armee und Rüstungsindustrie ein gigantisches Labor. Ein Labor, in dem sie ihre neusten Waffen unter echten Bedingungen erproben können. Ein Labor, das den Absatz von israelischen Raketen, Drohnen, Gewehren und Maschinenpistolen weltweit ankurbelt.

Gaza als Labor

Gaza als Labor, das klingt nach einer sehr zugespitzten These. Aus israelischer Sicht sind die Einsätze in den Palästinensergebieten für die Sicherheit des Landes unabdingbar: Aus dem Gazastreifen fliegen regelmäßig selbstgebaute Raketen über die Grenze und schlagen in israelischen Siedlungen ein. Terrorgruppen bilden dort zudem Attentäter aus. Und um Waffen und Taktiken zu erproben, führt niemand Krieg, schließlich verlieren die Israelis bei Einsätzen immer wieder Soldaten.

Auch politisch spricht einiges gegen leichtfertige Missionen in den Palästinensergebieten – sie verschlechtern schließlich das ohnehin angespannte Verhältnis zu den arabischen Nachbarn. Doch dann tritt ein Protagonist nach dem anderen vor Feldmans Kamera und erzählt über neue Strategien gegen palästinensische Terroristen, die neue Waffen erforderlich machen, berichtet offen über enge Kooperationen zwischen Rüstungsindustrie, Armee und Politik. Feldman zeigt einflussreiche Minister, die sich vor der Parteikarriere in der Armee bis zum General hochgearbeitet haben, Rüstungsmanager, die eben mit diesen Politikern befreundet sind, Waffenhändler, die sich ihrer Nähe zum Militär und zur Regierung rühmen. The Lab zeigt eindringlich, welchen Einfluss der militärisch-industrielle Komplex in Israel genießt.

Rüstungsgüter für Brasiliens Polizei

So präsentiert der Veteran Amos Golan seine Erfindung, die ihn reich gemacht hat: "Cornershot" nennt er ein System, mit der man um Häuserecken schießen kann. Seine Technik funktioniert mit Pistolen ebenso wie mit dem M16-Sturmgewehr. Per Mini-Bildschirm mit Fadenkreuz kann der Schütze sein Ziel anvisieren und bleibt für den Gegner fast unsichtbar. Bei einem Test zieht Golan eine Handspielpuppe über den Lauf – das verwirre den Gegner und bringe wertvolle Sekunden, die reichen, um den Feind auszuschalten. Die "verrückte Idee" für sein System sei ihm bei der Armee gekommen, sagt Golan. Wie die meisten Manager in der israelischen Rüstungsindustrie war auch er Soldat. Als Offizier führte er eine Eliteeinheit in die Palästinensergebiete. Sein "Cornershot" ist kampferprobt, wie die anderen Exportschlager der israelischen Rüstungsindustrie auch.

Bemerkenswert an The Lab ist, wie offen die Gesprächspartner mit dem Regisseur über ihr Geschäft reden. Feldmans Film gibt tiefe Einblicke, ohne ein Urteil zu fällen oder ideologisch überladen zu sein. In Deutschland läuft The Lab nur auf Filmfesten und bei Sondervorführungen – einen Verleih hat er nicht gefunden. Dabei ist Feldmans Einblick in eine verschlossene Branche einzigartig. Einen Waffenhändler darf er sogar zu einer Reise nach Brasilien begleiten. Dort nutzen Polizeieinheiten in Israel hergestellte Rüstungsgüter und Mitglieder von Spezialeinheiten werden von israelischen Ausbildern trainiert. Was gebe es gegen den Export von Sicherheit einzuwenden, sagt der Waffenhändler. 

Ausländische Militärs zu Besuch

Nicht nur Südamerika zählt zu den Abnehmern von israelischer Rüstungstechnologie, auch in Afrika finden die Waffenbauer zahlreiche Kunden. Israelische Rüstungstechnik, Trainer und Waffenhändler seien in mehreren afrikanischen Krisenregionen entdeckt worden, stellt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in einer Studie Ende 2011 fest.

Israels Armee gilt nicht nur als kampferprobt, sondern auch als bestens ausgebildet. Immer wieder besuchen ausländische Militärdelegationen das kleine Land im Nahen Osten um zu lernen. Der ehemalige General Yoav Galant besucht mit Feldman die Grenze zur Westbank. Er spricht von Heuchelei der Europäer. Diese kritisierten Israel immer wieder für seine Kriegsführung in den Palästinensergebieten, wollten dann aber davon profitieren, berichtet Galant. Sie wollen wissen, warum die Israelis so wenige Soldaten verlieren und wie sie "Blut in Geld" verwandeln. Yoav Galant, ehemaliger Kommandeur der israelischen Streitkräfte im Süden, antwortet dann: Präzise Waffen, präzise Geheimdienstarbeit und ein gezielter Einsatz der Bodentruppen seien nötig, um Leben zu retten.