Die Männer, die illegal den Unabhängigkeitsplatz in Kiew besetzen, fegen gerade aus. Einer hebt die Matten vom Zeltboden, einer wischt drunter weg, einer sammelt Süßigkeitenpapier aus den Ecken. Igor steht daneben mit seiner Bommel-Mütze. Auch während einer Revolution soll alles ordentlich und sauber sein, sagt er.

Als Igor vor acht Tagen im Mercedes Vito seines Vaters mit sieben seiner besten Freunde hier angefahren kam, war er einer der Ersten, der gegen die Ablehnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU demonstrierte. Seitdem hat er sich nicht mehr rasiert. Doch trotz der Haare am Kinn sieht Igor, der vor wenigen Wochen 19 geworden ist, jünger aus. Beunruhigend, wenn so ein junger Mann von "Krieg" spricht.

Zwischen den Zelten wärmen sich Demonstranten an Feuern, die in aufgestellten Fässern brennen. Wohl um die hundert dieser "Lagerfeuer des Widerstands" haben die Demonstranten auf dem Maidan zwischen McDonalds und Philharmonie aufgestellt. Gegen die betäubende Kälte trinken viele selbst gebrannten Wodka. Es sind noch ein paar Minuten bis Mitternacht. Auf der großen Bühne spielt ein ukrainischer Reggae-Sänger. Viele singen beim Hüpfen.

Zwischen Party-Atmosphäre und Prügelkommandos

Wer inmitten dieser Menschen kurz die Augen schließt und alle Gründe und Umstände dieses Abends vergisst, könnte meinen, Teil einer Party zu sein. Die Stimmung ist besser als beim EM-Finale, das vor gut einem Jahr in Kiew ausgetragen wurde.

Doch die Atmosphäre täuscht. Vor Kurzem ist das Misstrauensvotum der Oppositionsparteien im Parlament gescheitert. Igor und die meisten seiner Freunde befürchten, in den kommenden Nächten wieder von der Spezialeinheit des Präsidenten weggeprügelt zu werden, so wie sie es am vergangenen Samstag morgens gegen vier Uhr getan hat.

Igor sagt, er habe in einem der gerade aufgebauten Zelte gestanden und Tee getrunken, als die Polizeieinheit vorrückte und auf die schlafenden Demonstranten losging. Er ging dazwischen. Seit Jahren trainiert er vier Mal in der Wochen Boxen. Er wollte den Bedrängten zur Flucht verhelfen. Dann verfolgten die Polizisten ihn.

Wenn man Angst um sein Leben hat, laufe man schneller, sagt Igor. Etwa zwei Kilometer ging die Hetzjagd. Als die Männer in ihrer schweren Ausrüstung nicht mehr konnten, schnaufte Igor durch und rief seine Freunde an. Sie trafen sich um sechs Uhr morgens alle bei Andrii in seiner kleinen Wohnung. Die meisten hatten ein paar Schläge abbekommen, aber keiner war ernsthaft verletzt. Die Jugendlichen schliefen auf der Couch, in den Betten, auf dem Boden. Als sie gegen 10 Uhr wieder erwachten, waren sie sich einig: Von nun an hassten sie diese Spezialpolizisten und ihren Präsidenten, Viktor Janukowitsch.