Es sind die ersten Schritte im rettenden Exil: Eine junge Frau reibt sich nach dem langen Flug die Augen. Der Mann neben ihr trägt sein ganzes Hab und Gut in einer großen Stofftasche über das Rollfeld des Frankfurter Flughafens. Ein betagter Herr hat sich gegen die deutsche Kälte vorsichtshalber eine russische Fellmütze aufgesetzt. Es ist der 7. Dezember 1973, als die ersten Flüchtlinge aus Chile in Deutschland ankommen. Wochen in der überfüllten deutschen Botschaft in Santiago de Chile liegen hinter ihnen.

Knapp drei Monate zuvor hat der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Augusto Pinochet, dem sozialistischen Staatspräsident Salvador Allende die Macht entrissen. Allende begeht Selbstmord. Junta-Angehörige beginnen mit einer Hetzjagd auf ihre Gegner, deportieren sie in Sammellager, foltern und morden. Ungefähr 3.000 Menschen starben, schätzt man heute.

In den ersten Wochen nach dem Putsch nimmt die Deutsche Botschaft rund ein Dutzend Deutsche auf. Es kommen jedoch weitaus mehr Chilenen: Laut den Akten des Auswärtigen Amtes bitten fast 100 Menschen in der Botschaft um Asyl. Doch die deutschen Diplomaten weisen sie ab und schicken sie zu lateinamerikanischen Botschaften weiter. Ihre Begründung: Das in Lateinamerika praktizierte diplomatische Asyl sei nicht weltweit anerkannt, so auch nicht in Deutschland.

Bald schon stellen Journalisten dem deutschen Botschafter Kurt Lüdde-Neurath kritische Fragen. Sie wollen von Lüdde-Neurath wissen, warum er die Zuflucht Suchenden nicht hineinlässt. Warum er sich nicht der Haltung anderer Botschaften anschließe. Lüdde-Neurath beruft sich auf das Völkerrecht und die Weisungen des Auswärtigen Amtes. Es gibt einen Filmbericht, der zeigt, wie er aufgebracht auf die Fragen reagiert: Wenn er die Verfolgten hereinlasse, so der 62-Jährige, säßen sie in einer "Mausefalle". Die humanitären Möglichkeiten seien umso größer, "desto mehr wir die Schnauze halten".  

Sympathisant des Pinochet-Regimes?

Manche Journalisten haben einen schwerwiegenden Verdacht: Sympathisiert der Botschafter etwa mit Pinochets Militär-Junta und lässt deshalb keine Verfolgten herein? Mehrere Zeitungen thematisieren seine Vergangenheit als Diplomat unter Adolf Hitler, seine Mitgliedschaft in der NSDAP und der Sturmabteilung (SA). Schon bei seiner Berufung als Botschafter in Chile im Frühjahr 1973 hatte es einen  Presseartikel dazu gegeben. Das Auswärtige Amt hatte sich vor Lüdde-Neurath gestellt und verkündete: "Seine Mitgliedschaft in SA und NSDAP, die dem Auswärtigen Amt stets bekannt war, war rein nomineller Natur. Er ist nie aktiv hervorgetreten." Außerdem gebe es keinen Beweis für die Behauptung des Braunbuches aus der DDR, Lüdde-Neurath sei SA-Sturmführer gewesen. Das Buch aus Ostdeutschland listet Nationalsozialisten auf, die in der Bundesrepublik Karriere gemacht haben.

Die Sprachregelung des Auswärtigen Amtes deckt sich mit den Informationen in Lüdde-Neuraths Personalakte. Darin steht, er habe keinen SA-Rang besessen und sein Engagement für die SA habe mit Beginn seiner diplomatischen Karriere an der Botschaft in Tokio 1939 geendet. Beides entpuppt sich mit heutiger Einsicht in seine SA-Akte im Bundesarchiv als falsch. Lüdde-Neurath war kein "nominelles" Mitglied: Im September 1939 wurde er vom Rottenführer zum Sturmführer bei der SA-Reiterstandarte befördert. Vergleichbar ist dies mit einem militärischen Karrieresprung vom Obergefreiten zum Leutnant. Auch als Botschaftsangehöriger in Tokio blieb Lüdde-Neurath aktiv.  

Trotzdem irren die Journalisten, die im Herbst 1973 in Lüdde-Neuraths Vergangenheit den Grund für sein Verhalten sehen. Dafür gibt es nach den Unterlagen im Archiv des Auswärtigen Amtes keinen Beleg.

Denn Lüdde-Neurath lässt das Schicksal der verfolgten Chilenen keineswegs kalt. Das zeigt sein Brief Mitte Oktober 1973 an den Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Hans Matthöfer (SPD), der zu den Befürwortern des Asyls gehört. Darin schreibt Lüdde-Neurath, dass ihn seit vier Wochen Tag und Nacht die Frage beschäftige, ob er Verfolgte aufnehmen solle. Bisher glaube er ohne Botschaftsasyl mehr bewegen zu können. Als Beispiel führt er eine zum Tode verurteilte junge Brasilianerin an, für die er sich eingesetzt habe und die er am nächsten Tag aus der Haft abholen könne. "Nur der Verzicht auf jeglichen Beifall garantiert den Erfolg solcher Arbeit", betont er und bittet Matthöfer, das für sich zu behalten. "Aber die Residenz zwei Tage öffnen, dann wäre sie voll, das ist nicht der beste Dienst, den ich den ärmsten und gefährdetsten Menschen von Chile leisten kann."