Ich arbeite zurzeit als freiwilliger Helfer für eine lokale NGO in Tanger im Norden Marokkos. Die NGO hilft Flüchtlingen aus den Ländern südlich der Sahara, die in Marokko unter Rassismus, Ausbeutung und Polizeigewalt leiden. Allein in Tanger sind in den letzten drei Monaten drei Migranten bei nächtlichen Polizeiaktionen ums Leben gekommen.
Einer von ihnen war Moustapha Seck, ein 25-jähriger Senegalese. Vor einigen Tagen habe ich Mamadau aus Guinea getroffen, der sich mit Moustapha das Zimmer geteilt hat. Seinen Angaben zufolge hat ein Polizist Moustapha morgens um sechs vom Balkon seiner Unterkunft im vierten Stock geworfen.
Ereignisse wie diese sind nicht selten. Flüchtlinge aus den Ländern südlich der Sahara geraten in Städten wie Tanger zunehmend in Bedrängnis. "Die Menschen hier haben ein ausgeprägtes Rassendenken, das meiner Meinung nach auf unzureichende Kommunikation und Vorurteile zurückzuführen ist. Viele glauben, wir sind blöd, nur weil wir schwarz sind", sagt Mamadau.
Hinzukommt, dass die marokkanischen Medien oft ein negatives Bild der Flüchtlinge zeichnen. Dies erleichtert es den Sicherheitskräften, in der Bevölkerung Akzeptanz für ihr brutales Vorgehen zu finden. Neben der Angst vor den Sicherheitsbehörden haben die Migranten aber auch mit der Ausbeutung durch Arbeitgeber zu kämpfen. "Wenn wir Arbeit finden, werden wir oft nicht bezahlt. Wir verrichten Tätigkeiten, die die Marokkaner nicht machen wollen, aber dann bekommen wir kein Geld dafür", sagt Mamadau.
Wenn die Polizei in Tanger Einwanderer aufgegriffen hat, reicht sie sie oft weiter an das Militär in Oujda, an der Grenze zu Algerien. Die Soldaten nehmen den Flüchtlingen Pässe, Mobiltelefone, Uhren, Halsketten und oft auch die Schnürsenkel ihrer Schuhe ab und jagen sie über die Grenze nach Algerien. Von dort schickt sie das algerische Militär wenige Tage später zurück. Ohne Pass und Geld müssen die Flüchtlinge darauf hoffen, dass ihnen jemand das Zugticket zurück nach Tanger bezahlt.
In Tanger besteht dann wieder nur die Hoffnung, unentdeckt zu bleiben und eines Tages ein Boot nach Spanien besteigen zu können. Warum unbedingt nach Spanien, frage ich Mamadau, wo doch dort die Arbeitslosigkeit so hoch ist. Seine Antwort: "Auch wenn es dort keine Arbeit gibt, werden wir in Spanien wenigstens vernünftig behandelt."