Sie ist eines der bekanntesten Gesichter des gewaltfreien syrischen Widerstandes – und seit dem gestrigen Dienstag in allerhöchster Gefahr: Die Anwältin Razan Zeitouneh wurde im Umland von Damaskus entführt, zusammen mit ihrem Mann Wael Hamada und den Aktivisten Nassim al-Hamadi und Samira al-Chalil. Bislang gibt es weder ein Lebenszeichen noch haben sich die Entführer mit irgendwelchen Forderungen an die Öffentlichkeit gewandt.

Zeitouneh hat als Anwältin politisch Verfolgte in Syrien vertreten, lange bevor der Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad begann. Nach Beginn der Proteste dokumentierte sie von Damaskus aus Menschenrechtsverletzungen des Regimes auf ihrer Website, wurde so zu einer wichtigen Informationsquelle für internationale Medien – und zu einer Zielscheibe des Geheimdienstes. Ihr Mann kam für Monate in Haft, sie selbst musste untertauchen. In ihrem Versteck erfuhr sie 2011, dass das Europäische Parlament sie mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet hatte.

Die 36-jährige Juristin, die auch immer wieder für die ZEIT geschrieben hatte, zog schließlich nach Ost-Ghuta, einen der Vororte der Hauptstadt Damaskus, die von Oppositionskräften kontrolliert werden. Dort wurde sie Zeugin der Giftgas-Angriffe des Regimes. Zuletzt agierte sie von dort als Sprecherin des Netzwerks der Lokalen Koordinationskomitees in Syrien (LCC). Entführt wurde Zeitouneh nach Angaben von Aktivisten in Duma, das derzeit unter der Kontrolle islamistischer Kräfte steht.

Dass religiöse Extremisten hinter der Entführung stecken, ist ein naheliegender Verdacht, zumal Zeitouneh und ihre Mitstreiter nicht nur die Verbrechen des Assad-Regimes, sondern auch seiner Gegner dokumentieren – angefangen von Erschießungen durch Angehörige der Freien Syrischen Armee bis zum Terror islamistischer Brigaden gegen die Zivilbevölkerung. Vonseiten islamistischer Gruppen war die Anwältin in jüngster Zeit immer wieder bedroht worden.

Brigade des Islam fordert Freilassung Zeitounehs

Nur ist Islamist eben nicht gleich Islamist. In Duma und Umgebung dominiert die Brigade des Islam das Geschehen. Auch diese Gruppe war immer wieder von Zeitouneh kritisiert worden, blieb mit der Aktivistin und ihrem Menschenrechtszentrum jedoch im Gespräch, hatte ihr sogar Schutz angeboten. Die Brigade soll sich nun öffentlich von der Entführung distanziert und die Freilassung von Zeitouneh und den anderen drei Opfern gefordert haben.

Als mögliche Entführer kommen kleinere radikalere Gruppen infrage oder auch Akteure des Regimes. In den internationalen Medien hat die Aufmerksamkeit für das Schicksal der Syrer nachgelassen, doch Zeitounehs Stimme wird immer noch gehört. Kurz vor ihrer Entführung hatte sie den Westen angeklagt, tatenlos zuzusehen, wie Assads Armee von der Opposition kontrollierte Orte und Stadtteile systematisch aushungere. Die deutsche Hilfsorganisation Adopt a Revolution, die mehrere lokale Komitees in Syrien unterstützt, hatte ihren Artikel einen Tag vor der Entführung veröffentlicht.

In dem Artikel schrieb Zeitouneh: "In Ghuta, wo ich derzeit lebe, sind in den drei Monaten nach den Giftgaseinsätzen mindestens 23 Kinder an Unterernährung gestorben. Der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten ist das Ergebnis der Belagerung durch das Regime. Meine Freunde essen nur noch einmal am Tag Linsen, das einzige Lebensmittel, das in einigen der belagerten Stadtteile noch verfügbar ist. Doch für den Westen sind das 'nebensächliche Details', die ihn keinesfalls beunruhigen. Solche Nebensächlichkeiten müssen Thema der Konferenz Genf II sein."

Aus diesen Zeilen spricht die Verzweiflung vieler Syrer, die sich nach dem diplomatischen Erfolg des Abbaus von Assads C-Waffen-Arsenal von der internationalen Gemeinschaft verraten und verkauft fühlen. Das Regime führt den Krieg nun mit konventionellen Waffen ungebrochen weiter und setzt vor allem in den von Oppositionellen kontrollierten Vororten von Damaskus die Waffe des Aushungerns ein. "Starve or surrender" heißt die Devise der syrischen Armee, "verhungert oder gebt auf". Die moderate bewaffnete Opposition wird zunehmend von islamistischen Kräften verdrängt, deren radikalste Fraktion, die mit Al-Kaida verbündete Isis (Islamischer Staat im Irak und der Levante) gezielt Jagd auf zivile Aktivisten und Journalisten macht.

Die Verschleppung von Zeitouneh und ihren Freunden erfolgte nur wenige Stunden, nachdem auf einer Pressekonferenz in Beirut zwei spanische Journalisten an Isis appellierten, ihre Angehörigen wieder freizulassen. Javier Espinosa, Reporter für die Zeitung El Mundo und der Fotograf Ricardo Garcia Vilanova wurden am 16. September von Isis-Kämpfern entführt. Die beiden hatten sich in Begleitung einer Schutzeskorte von vier Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) befunden. Die Kämpfer wurden wieder freigelassen. Espinosa und Garcia Vilanova werden vermutlich in einem Isis-Gefängnis in der Stadt Raqqa festgehalten – zusammen mit ausländischen Nothelfern und Journalisten sowie unzähligen Syrern.

Regime oder Isis

Isis ist in Syrien inzwischen das Sammelbecken für Dschihadisten aus anderen Ländern geworden. Die Mitglieder stammen aus dem Maghreb, aus Pakistan, Tschetschenien und europäischen Ländern. Einer der größten Erfolge der Gruppe ist die Einnahme von Raqqa, die nach dem Abzug des Regimes ursprünglich als befreit galt. Mit Demonstrationen und Formen des zivilen Widerstands hatte sich die Bevölkerung dort lange gegen die neue Diktatur der Islamisten gewehrt. Jetzt ist sie zermürbt. Aktivisten wurden ermordet, verschleppt, sind ins Exil geflohen – oder wagen in Raqqa keinen Mucks mehr.

Regime oder Isis – Pest oder Cholera. Dazwischen gibt es allerdings noch jede Menge Zwischenzonen. Noch immer, so Elias Perabo von Adopt a Revolution, hielten sich in Städten säkulare lokale Komitees auf, die Schulen und Krankenhäuser aufrecht erhielten und "dringend internationale Unterstützung brauchen." So wichtig die für Januar anberaumte Friedenskonferenz in Genf sei, "so wenig Sinn macht es, auf eine Gesamtlösung für Syrien zu warten. Die internationale Gemeinschaft muss regional agieren, säkulare Komitees und den zivilen Widerstand viel stärker unterstützen". Sonst gingen auch diese Freiräume an radikale Kräfte verloren. Wer immer Razan Zeitouneh und ihre Mitstreiter entführt hat, sagt Perabo, hat "eine Ikone des Aufstands für Demokratie und Menschenrechte getroffen".