In der Türkei ist die Polizei mit großer Härte gegen regierungskritische Demonstranten im Zentrum von Istanbul vorgegangen. Die Sicherheitskräfte setzten schon vor dem geplanten Beginn der Demonstration Wasserwerfer, Tränengas und Plastikgeschosse ein.

Die nach Schätzungen von Augenzeugen mindestens 1.000 Demonstranten forderten in Sprechchören den Rücktritt der Regierung. Sie skandierten außerdem wie bereits bei den Protesten im Sommer: "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand."

Während die Polizei Erdogan-Gegner an Protesten auf dem symbolträchtigen Taksim-Platz zu hindern versuchte, kamen an dem rund 20 Kilometer entfernten Flughafen von Istanbul Tausende Anhänger des Regierungschefs zusammen. Sie schwenkten Fahnen seiner AK-Partei und der Türkei , als Erdogan von einer Reise aus einer als AKP-Hochburg geltenden Provinz zurückkehrte. Dort hatte er seine Anhänger aufgefordert, bei den 2014 anstehenden Kommunalwahlen mit ihrer Stimme für Erdogan ein Zeichen zu setzen, gegen die nach seinen Worten aus dem Ausland gesteuerte Verschwörung gegen ihn.

Die Regierungsgegner hatten wegen des Korruptionsskandals zu einer Demonstration auf dem Taksim-Platz aufgerufen, den die Polizei weitgehend abriegelte. Auf der dorthin führenden Einkaufsmeile Istiklal Caddesi ging die Polizei gegen Demonstranten vor und verfolgte sie in Seitengassen. Vereinzelt bewarfen Protestierer die Wasserwerfer der Polizei mit Steinen. Auch aus Ankara wurden Proteste gemeldet.

Der Regierungschef weist in dem Korruptionsskandal jegliches Fehlverhalten zurück. Die Ermittlungen richten sich auch gegen Söhne von inzwischen zurückgetretenen Ministern. Erdogan hat rund 70 an den Ermittlungen beteiligte Polizisten entlassen. Zudem baute er sein Kabinett in großem Stil um und holte sich als besonders loyal geltende Politiker an seine Seite.

Das oberste Verwaltungsgericht kippte am Freitag nach einem Bericht der Zeitung Hürriyet Daily News einen Erlass der Regierung, mit dem Ermittler dazu gezwungen werden sollten, Vorgesetzte über ihre Untersuchungen zu informieren. Die Regierung war von den Korruptionsermittlungen überrascht worden.

Der für die EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara zuständige EU-Kommissar Stefan Füle begrüßte die Entscheidung des Gerichts. Die von der Regierung beschlossenen Vorschriften für die Polizeiarbeit hätten "die Unabhängigkeit der Justiz und deren Handlungsfähigkeit untergraben". Er erinnerte die Türkei an ihre Pflichten als Beitrittskandidat und forderte die Regierung auf, "alle nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Vorwürfe von Rechtsverletzungen ohne Benachteiligung oder Bevorzugung transparent und unparteiisch aufgeklärt werden".

Der Korruptionsskandal belastet das zuletzt ohnehin angeschlagene Vertrauen der Finanzmärkte in die Türkei. Besonders deutlich zeigte sich dies am Wert der türkischen Lira, die im Handel mit dem US-Dollar auf ein Rekordtief rutschte. Am Freitag mussten für einen Dollar zeitweise 2,1761 Lira gezahlt werden, so viel wie noch nie. Neben der Währung gerieten aber auch türkische Staatsanleihen und der Aktienmarkt des Landes massiv unter Verkaufsdruck, nachdem sich ausländische Investoren teilweise aus dem Markt verabschiedet hatten.

Seit zehn Tagen wird die Türkei von dem Korruptionsskandal erschüttert, der zum Rücktritt von drei Ministern führte. Einer davon hatte auch Erdogan zum Amtsverzicht aufgefordert. Erdogan hatte am Mittwoch zehn seiner 26 Kabinettsposten neu besetzt. Bei den Ermittlungen geht es unter anderem darum, ob gegen Schmiergeld illegale Baugenehmigungen erteilt und Handelssanktionen gegen den Iran unterlaufen wurden. Erdogan hat die Ermittlungen als "dreckige Operation" gegen seine Regierung mit Hintermännern im In- und Ausland bezeichnet.

Abgeordnete kehren der Regierungspartei AKP unterdessen den Rücken. Drei Parlamentarier erklärten ihren Austritt aus der AKP, wie türkische Medien berichteten. Zuvor hatte bereits Ex-Innenminister Naim Sahin seinen Austritt aus der AKP erklärt. Kurz vor Bekanntwerden des Korruptionsskandals hatte der einstige Fußball-Star Hakan Sükür die Partei verlassen. Die absolute Mehrheit der AKP im Parlament gefährden die Austritte aber nicht.

Für Schlagzeilen sorgte in der Türkei die Ablösung des Istanbuler Staatsanwalts Muammer Akkas von seinen Korruptionsermittlungen. Er war am Donnerstag von dem Fall abgezogen worden, bei dem regierungskritischen Medienberichten zufolge auch im Umfeld von Ministerpräsident Erdogan ermittelt wurde. Akkas hatte öffentlich beklagt, auf ihn sei Druck ausgeübt worden. Die Polizei habe seine Anordnung ignoriert, Verdächtige festzunehmen. Die Regierung hat zahlreiche ranghohe Polizisten austauschen lassen, darunter den Polizeichef Istanbuls. Ihr wird vorgeworfen, die Korruptionsermittlungen behindern zu wollen.