Gelber Sternenkranz auf blauem Grund. Die EU-Flagge als Symbol der Freiheit, wie das amerikanische Sternenbanner (oder einst die rote Fahne der Revolution!) – wer hätte das gedacht? Und doch: Über den Hunderttausenden, die am Sonntag im Zentrum Kiews gegen ihren Präsidenten und dessen Kotau vor Wladimir Putin protestierten, wehte neben der Nationalflagge der Ukraine auch die Fahne der Europäischen Union.

Welch ein Anblick für uns saturierte EU-Bürger, die wir uns angewöhnt haben, über alles, was aus Brüssel kommt, zu schimpfen oder zu lachen. Die Schulden der Griechen und die Zimtschnecken der Dänen: Das ist unser Europa.

Für die Demonstranten in Kiew ist Europa das Versprechen von Wahlfreiheit und Redefreiheit, von Korruptionsfreiheit und Nepotismusfreiheit – kurzum, das Versprechen einer demokratischen Zukunft.

Deshalb wollen sie Teil dieses Europas werden, dessen bei uns viele so überdrüssig sind. Und deshalb gehen sie nun gegen ihren Präsidenten auf die Barrikaden, der unter brutalem russischen Druck die Unterzeichnung des Assoziierungs- und Handelsabkommens mit der EU verschoben hat.

Vielleicht hatte Viktor Janukowitsch einfach Angst, ohne das russische Gas nicht über den Winter zu kommen. Vielleicht hat er sich auch auf einen dubiosen Deal eingelassen: Exporterleichterungen und Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie für ein Nein zu Europa.

Geld und Gas: Offenbar brauchte der zynische Machtmensch Putin nicht mehr, um die Machtprobe gegen eine mit tausend anderen Dingen beschäftigte EU zu gewinnen. In der Entscheidung zwischen Brüssels Östlicher Partnerschaft und Moskaus Eurasischer Union hieß das Ergebnis: "Diese Runde ging an Putin." (Die Welt)

Von Geopolitik verstehen Europas Politiker beängstigend wenig. Putin dagegen betreibt sie mit Lust und wachsendem Erfolg, wie sich in Syrien, Ägypten und im Iran zeigt. Es wird ihn wenig beeindrucken, wenn EU-Kommissionschef Barroso ausruft: "Die Zeit der begrenzten Souveränität in Europa ist vorbei." Putin hat gerade das Gegenteil bewiesen.

So trostlos dies ist, so ermutigend bleibt, dass dieses schwache Europa dennoch eine gewaltige Strahlkraft entfaltet; dass es der Magnet geblieben ist, der die Menschen aus Osteuropa und Zentralasien heute noch genauso anzieht wie zur Zeit des Mauerfalls. Sicher auch wegen des Wohlstands, den das geeinte Europa verheißt. Aber mehr noch, weil man in der Union einen Erpresser einen Erpresser nennen darf, ohne dass man im Winter frieren muss.

Etwas beschämt blickt man in diesen Tagen zum Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan in Kiew, wo die Hoffnungen auf einen Wandel so groß sind wie in den Tagen der Orangenen Revolution vor neun Jahren.

Da leben wir in einem Sehnsuchtsort, dem die Herzen unserer östlichen Nachbarn zufliegen. Und wir quengeln und jammern und spotten. Allenfalls die Hälfte von uns wird sich im Mai bei der Europawahl an die Wahlurnen bequemen. So gleichgültig ist uns dieses Europa, dessen Fahne im Kiewer Winter weht.