Schlange stehen für ein Foto mit der Ministerin. Im Atrium der Betreuungseinrichtung im deutschen Feldlager Camp Marmal in Nordafghanistan drängelten sich am Abend des vierten Advents Soldatinnen und Soldaten um Ursula von der Leyen. Kamera um Kamera, Fotohandy um Fotohandy wurde nach vorne gereicht: Fast jeder der anwesenden Bundeswehrsoldaten, so schien es, wollte mit der neuen Chefin auf einem Bild verewigt werden.  

Mit Neugier und Interesse reagiert die Truppe auf die erste Frau an der Spitze des deutschen Verteidigungsministeriums. Dass sie ihr erster Truppenbesuch, nur wenige Tage nach Amtsantritt und kurz vor Weihnachten, nach Afghanistan führte, empfindet die Truppe als Zeichen der Zuneigung. Und von der Leyen selbst drückte das in einer kurzen Ansprache an die Soldaten so aus: "Ich bin von ganzem Herzen stolz und dankbar, Ihre Verteidigungsministerin sein zu dürfen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich immer für Sie da bin. Ich nehme diese Aufgabe sehr ernst." 

Das dürfte für die neue Ressortchefin allerdings in nächster Zeit vor allem darin bestehen, mehr über den Riesenapparat Streitkräfte zu lernen, dem sie jetzt vorsteht. Mit freundlichem Interesse, aber ein klein wenig ratlos hatte von der Leyen wenige Stunden zuvor auf den Fuhrpark geschaut, den ein Hauptmann der Instandsetzungstruppe aufgeboten hatte: Schwungvoll kurvten die Fahrzeuge der Bergebereitschaft des Regionalkommandos Nord auf den geschotterten Platz im Camp; Fahrzeuge mit Namen wie Fuchs, Dingo, Bison und Eagle fuhren vor der Ministerin auf. Ein wenig irritiert lauschte Ursula von der Leyen der raschen Schilderung der verschiedenen Typen gepanzerter Fahrzeuge, um am Ende einzugestehen: Das sei ihr alles doch noch ein wenig fremd. 

So ist die Stippvisite der Verteidigungsministerin am Hindukusch für die neue Chefin auch ein Schnellkurs in Sachen Bundeswehr. Nach dem Frühstück in der Truppenküche an diesem Adventsmorgen räumte sie ein, im Gespräch mit den Soldatinnen und Soldaten "einen ersten Einblick in die Lebenswelt" bekommen zu haben. Das sei doch etwas ganz anderes, als das in der Theorie zu erfahren: "Jetzt gilt es in die Tiefe einzusteigen", mehr noch: "Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe." 

Unsicherheit und Unwissenheit schnell überwinden

Das gilt für eher technische Details wie die bei der Bundeswehr gebräuchliche Unzahl von Abkürzungen – "dafür habe ich in der Weihnachtszeit Zeit" – ebenso wie für den Umgang mit dem, was Militär auch ausmacht: Tod und Verwundung. Sichtlich bewegt schritt von der Leyen am Ehrenhain des Lagers die Tafeln mit den Namen der Gefallenen ab. Auch daran wird sie sich gewöhnen müssen. In den ersten Tagen ihrer Amtszeit hatten sie die Offiziere im Ministerium zwar schon theoretisch über die Meldekette bei Gefallenen im Einsatz unterrichtet. Doch in der Realität, sagte von der Leyens Mine, sieht das schon etwas anders aus.     

Eher praktisch war dann die Lehre, die sie aus der Zeremonie im eisigen afghanischen Dezemberwind zog: Für die nächste Station ihrer Rundfahrt durch das riesige Feldlager mit seinen rund 2.600 deutschen  und gut 5.000 Soldaten anderer Nationen wechselte sie schnell aus ihrem kurzen Stadtmantel in einen gefütterten Parka und tauschte die Stiefeletten gegen hohe Stiefel.   

Unsicherheit und Unkenntnis wird die Ministerin recht schnell überwinden müssen. Zwar lobte sie der Kommandeur aller ISAF-Truppen, der amerikanische Vier-Sterne-General Joseph Dunford, der für das Gespräch mit von der Leyen von Kabul nach Masar-i-Scharif geflogen war: "Kommandeure zeigen, was wichtig ist – durch ihre Anwesenheit." Die Ministerin konnte allerdings im Wesentlichen nur berichten, was sie in den zahlreichen Briefings und Lagevorträgen an diesem Tag gelernt hatte. 

So kreiste das Gespräch mit einzelnen Soldaten, das von der Leyen auf ihrer Tour durchs Camp Marmal immer wieder suchte, um das, worauf sich die Politikerin schon seit Jahren versteht: um Persönliches. Wie mit dem Hauptfeldwebel aus Bayreuth, der der Ministerin von seinen fünf Kindern berichtete – woraufhin die Ressortchefin, selbst Mutter von sieben Kindern, den Mann erst einmal leicht ungläubig anstarrte. Auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, warum er dann im Einsatz in Afghanistan sei, setzte der Mann noch eins drauf: "Heute ist mein Hochzeitstag."