Selbstverständlich wird es ein No-Spy-Abkommen zwischen der Bundesrepublik und den USA geben. Selbstverständlich wird es nicht eingehalten werden.

Dazu eine kurze Vorgeschichte zu den Verhandlungen, die zum Wochenbeginn durch die Medien kursierte. Da hatte der BND gezielt gestreut: "Wir kriegen nichts." Und ein hochrangiger Anonymus schob hinterher: "Die Amerikaner haben uns belogen." 

Diese würden entgegen früherer Gelübde, die auf Handygate – den Lauschangriff auf das Kanzlertelefon – folgten, keineswegs darauf verzichten, deutsche Spitzenpolitiker abzuhören. Und in ihr Spionagenest in der Botschaft am Pariser Platz wollen die US-Amerikaner die Deutschen auch nicht lassen. Dass die Amerikaner "gelogen" hätten, stimmt trotzdem nicht ganz, hatte doch Obamas Sicherheitsberaterin den Berlinern laut New York Times im Dezember mitgeteilt: So sorry, kein grundsätzlicher Verzicht, weil man sich so die Hände gegenüber anderen Staaten binden würde.

Herzerwärmende Naivität

Durchstecherei, wie hier durch den BND, spielt eine ehrwürdige Rolle im Ringen der Nationen: Mach die Sache anonym öffentlich, um den Druck auf die andere Seite zu verstärken. Es wird auch irgendwie funktionieren, trotzdem zeugt das transparente Manöver von herzerwärmender Naivität.

"Yes, we scan!" ist das Geschäft aller Dienste, ob Freund oder Feind. Erst recht in digitalen Zeiten, in denen "yes, we can" dazu kommt. Wenn sie erwischt werden, folgen Zerknirschung und Besserungsgelöbnisse. Und danach geht's weiter, nur vorsichtiger und raffinierter.

Grundsätzlich gilt: Was die Geheimdienste tun, ist geheim. Offenlegung und Überprüfung ihrer Aktivitäten kann es deshalb nicht geben. Sonst wäre es ja nicht geheim, um es ganz platt zu sagen. Deshalb bliebe natürlich auch die Verletzung eines Abkommens im Dunkeln.

Warum die Dienste gegen Feind und Freund spionieren? Weil sie – und ihre politischen Chefs – wissen wollen, was Sache ist und nicht in den Zeitungen oder im Protokoll der Parlamente steht.

Was wollen sie wissen? Was Moskau und Peking, aber auch Berlin und Paris vorhaben – sei es in der Diplomatie, in der Rüstung, in Handel und Wirtschaft. Im Falle Deutschlands, des drittgrößten Rüstungsexporteurs der Welt, ist es besonders interessant für die Amerikaner, wen die Deutschen mit sogenannter Dual-Use-Technik beliefern. Scheinbar harmloses Zeug ist das, das in der Chemie- oder Atomwaffenproduktion genutzt werden kann, aber nicht unter Embargo steht.

Die Deutschen – zumindest sollte man es hoffen – wollen wiederum wissen, was die Freunde in vertraulichen Gesprächen mit dem Iran auskungeln – vorbei an den vier anderen Mächten Berlin, Paris, London und Moskau. Oder welche Pläne US-Außenminister John Kerry bei seiner Nahost-Pendeldiplomatie im Aktenkoffer hat. Oder welche Überraschungen in den Verhandlungen über die transatlantische Freihandelszone auf die Berliner warten. Oder, ganz apropos, was die NSA so alles in Deutschland treibt.

Ein Fahrstuhl reicht leider nicht

Womit wir beim Kern des Problems angelangt sind: der fürchterlichen Asymmetrie der Mittel. Die Weltmacht hat weltweite Mittel, die Mittelmacht spart auch hier – wie bei der Bundeswehr. Einst hatten sich die Bonner auf den Ostblock spezialisiert und so gute Tauschgeschäfte mit den verbündeten Diensten gemacht. Heute muss oder müsste sich Berlin mächtig anstrengen, um das globale Horch-und-Guck-Geschäft zu bewältigen.

Oder um sich gegen NSA wie auch gegen die britischen GCHQ und den französischen DGSE zu wappnen. Leider geht es selten so billig und einfach wie in der TV-Serie Homeland, in der sich zwei Protagonisten zum abhörsicheren Gespräch im angehaltenen Fahrstuhl treffen. Der funktioniert wie ein Faradayscher Käfig, der Funkwellen blockiert, jedenfalls im Fernsehen.

Wer nicht abgehört werden will, muss abwehren oder am Telefon nur erzählen, was ihm nicht schadet. Auch das ist eine probate Taktik im Staatenverkehr. Abwehr ist möglich, erfordert aber Geld, Forschung, Hardware und vor allem Anstrengungen, die im atemlosen Wandel der Technik nie aufhören darf. Auf die eigenen Mittel ist mehr Verlass als auf Abkommen.

Ein deutsch-amerikanischer Vertrag wird kommen. Aber sein Wert hängt nicht von Treu und Glauben ab, die es in der Schattenwelt der Dienste nicht geben kann. Vertrauen ist gut, Waffengleichheit ist besser.