Mohammed Mursi kommt in Jogginghose vorgefahren. Bevor er die Autotür öffnet, rückt er noch schnell die Sonnenbrille zurecht und wirft einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. "Jetzt müssen wir verdammt aufpassen", sagt er, als er sich vom Fahrersitz hievt. "Sie wollen uns alle kriegen." Keiner seiner Bekannten dürfe ihn derzeit auf der Straße mit seinem Namen ansprechen, heiße er doch genauso wie der gestürzte Präsident. "Die glauben doch, ich sei sein Vertreter." Er hält kurz inne. Dann grinst er. "Zu Recht."

Es ist noch früh am Morgen, doch vor der Arbeiter-Universität in Nasr City, einem bürgerlichen Viertel im Osten Kairos, hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Links die Männer, rechts die Frauen. Einige haben sich die ägyptische Flagge um die Schultern gebunden, andere wedeln mit groß bedruckten Zetteln umher: "Ja zur Verfassung", steht da drauf. Es ist schon das dritte Grundgesetz, über das die Ägypter seit dem Sturz des Dauerpräsidenten Hosni Mubarak vor drei Jahren abstimmen.

Die Menschen vor dem Eisentor sind überzeugt, dass es diesmal das richtige ist. "Unser Land muss endlich vorankommen", sagt eine Frau. "Nur das Militär bringt uns Frieden", sagt eine andere. Ein Mann ruft: "Wir sind die wahren Ägypter. General al-Sissi ist unser Führer." Am Rand der Menge steht Mohammed und schüttelt den Kopf. "Diese Wahl ist die reinste Lüge", sagt er. "Die Wahrheit ist: Jede kritische Stimme wird ausgeschaltet. Unser Land ist im Krieg."

Auch die Militärs haben Feinde

Tatsächlich offenbart sich mit der Abstimmung über die neue Verfassung der tiefe Riss in der ägyptischen Gesellschaft: Während Übergangsregierung und Armeeführung unter dem Slogan der politischen Stabilität mit plakativen Statements um Zustimmung buhlen, rufen die Anhänger des im Juli gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi zum Boykott. Am Dienstag explodierte eine Bombe vor einem Kairoer Gerichtsgebäude, es folgten vereinzelte Proteste und Straßenkämpfe. Die Militärs hätten mittlerweile Dutzende Feinde, sagt Mohammed, radikale Islamisten, liberale Aktivisten, Studenten. "Wir Muslimbrüder sind friedlich. Wir wollen nur unsere Meinung sagen." Doch sei genau das nun nahezu unmöglich.

Denn Medien und Regierung titulieren Kritiker der Verfassung als "Landesverräter", wer sich offen gegen das neue Regelwerk ausspricht, muss mit drakonischen Strafen rechnen. Zudem haben die Machthaber bis zuletzt eine unerbittliche Hetzjagd gegen die Muslimbruderschaft geführt: Ermordungen, Massenverhaftungen sowie ein medialer Feldzug gegen Mitglieder oder Unterstützer der Vereinigung, die jetzt offiziell als Terrororganisation gilt.

"Unsere gesamte Führungsriege ist entweder tot oder in Haft", sagt Khaled, ein aktiver Unterstützer der Muslimbrüder, der seinen Hyundai ziellos durch Nasr City lenkt, weil er, wie er sagt, nicht die Aufmerksamkeit der Sicherheitsleute auf sich ziehen wolle. "Niemand bekennt sich noch öffentlich zu den Muslimbrüdern. Wir arbeiten komplett im Untergrund." Schwer sei es, sich ohne eine zentrale Verwaltung zu organisieren. Es gebe keine Anweisungen mehr, keine Ratschläge und keine Vorwarnungen.

Sie, die letzten Verbliebenen, deren Anzahl niemand weiß, wechselten ständig ihre Handynummern, die E-Mail-Adressen, die Autos. "Der Geheimdienst hat seine Überwachung enorm ausgeweitet. Treffen mit anderen Anhängern sind kaum noch machbar." Deshalb bleibt es an diesem Tag ruhig in Nasr City, der Hochburg der Konservativen, wo sich sonst immer wieder Hunderte Mursi-Anhänger Kämpfe mit der Polizei lieferten. Gespenstisch ruhig.

Die Muslimbrüder haben dazugelernt

Etliche Läden haben die Rollläden heruntergelassen, nur wenige Passanten sind auf der Straße unterwegs, Militärhubschrauber kreisen im Tiefflug über das Viertel, an den Kreuzungen haben sich Soldaten in schwarzen Kampfanzügen vor ihren Panzern postiert. Stacheldraht versperrt den Zugang zum Rabaa-Platz, wo Mursis Anhänger nach dessen Sturz in Zelten ausharrten, bevor das Protestcamp im August blutig geräumt wurde

"Niemand geht wählen", sagt Khaled, während er im Schritttempo an Schuleingängen vorbeifährt, die zu Wahlstationen umfunktioniert wurden, und die jetzt alle nahezu leer sind. Er lacht laut auf. "Niemand will diese Meinungsdiktatur."

Dann biegt er in eine Seitenstraße, hält. Ein Mann mit Brille und Mütze steigt ins Auto, ein Kollege, wie Khaled sagt, ob Mitglied oder Unterstützer der Muslimbrüder, das sei nicht wichtig. Den Namen will er nicht sagen, nur, dass die Islamisten bei der Entwicklung der neuen Verfassung völlig ausgeschlossen gewesen seien. "Das Militär beansprucht noch mehr Macht. Die Muslimbrüder dagegen haben dazugelernt. Sie wissen jetzt, dass sie die Macht teilen müssen." Wird es Angebote der Islamisten an die neue Regierung geben? Kopfschütteln. Wenn die Muslimbrüder mit dem Militär paktierten, sagt er, würden die Menschen doch ihr Vertrauen in die Bewegung verlieren. "Dann wären wir die Verräter."   

"Dieses Regime wird nicht bleiben"

Die Muezzin rufen zum Nachmittagsgebet, als Khaled sein Auto neben dem schwarzen Mercedes parkt. Es ist die dritte Autofahrt in Nasr City an diesem Tag, der Fahrer, Ahmed, wählt eine neue Route, schaut immer wieder in den Rückspiegel, vermeidet es, anzuhalten. "Wie unser Leben jetzt ist?", fragt er mit dröhnender Stimme. "Wir denken jeden Tag, dass wir abends nicht mehr nach Hause kommen werden." Er sei an dem Punkt angelangt, an dem er bereit sei, sein Leben zu geben für die "Vernichtung der Herrschenden", für die "gute Sache", wie er das nennt. "Wir werden nicht aufhören, bis Mursi wiederkommt."  

Er spricht von Menschenrechten, davon, dass die Muslimbrüder für demokratische Strukturen kämpften, für Recht und Gesetz. Gab es nicht auch unter Mursi Verhaftungen, Folter und Einschüchterungen von Andersdenkenden? Ahmed starrt auf die Straße. "Dieses Regime wird nicht bleiben", sagt er nach einer Weile. "Wir werden sie verjagen."