Bei dem Referendum in Ägypten zeichnet sich eine überwältigende Zustimmung für die neue Verfassung ab. Nach Auszählung in mehr als der Hälfte aller Provinzen stimmten rund 90 Prozent der Wähler mit Ja. Das Auszählen dauert an, ein offizielles Ergebnis wird voraussichtlich am Freitag bekannt gegeben. Die Annahme des Verfassungsentwurfs galt als sicher.

Die Wahlbeteiligung unter den etwa 50 Millionen Stimmberechtigten blieb nach ersten Angaben ägyptischer Medien unter 50 Prozent. Das dürfte nach Ansicht von Kommentatoren vor allem an einem Boykottaufruf der islamistischen Muslimbrüder liegen. Zuvor hatte der Vorsitzende der Wahlkommission, Nabil Salib, mitgeteilt, dass die Beteiligung im Vergleich zu früheren Abstimmungen die höchste gewesen sei. Wegen der angespannten politischen Stimmung und Gewaltakte zu Beginn der Abstimmung war mit einer niedrigen Beteiligung gerechnet worden.

Die Muslimbruderschaft warf den Behörden unterdessen Wahlbetrug vor. Über zwei Tage hinweg habe es systematische Fälschungen gegeben, die nun zum Verbrechen des Putsches hinzukämen, hieß es in einer Erklärung der Organisation.

Tanzende Wählerinnen

Bei der Abstimmung ging es um Änderung der unter dem mittlerweile gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi entworfenen Verfassung. Den ersten Tag des Volksentscheids überschattete Gewalt: Mindestens elf Menschen wurden bei Zusammenstößen zwischen Anhängern Mursis und der Polizei getötet. Der zweite Tag verlief weitgehend ohne gewaltsame Zwischenfälle, es wurden keine Todesfälle gemeldet.

Vor den Wahllokalen herrschte vielerorts sogar eine ausgelassene Stimmung. Im vornehmen Kairoer Stadtteil Heliopolis ertönten patriotische Lieder über das Militär aus Lautsprechern, die an Fahrzeugen befestigt waren. Vor einem Wahllokal im zentralen Bezirk Mohandessin brach eine Gruppe von Frauen in Jubel aus, auf Filmaufnahmen aus anderen Gegenden waren tanzende Wählerinnen zu sehen. "Die Verfassung ist ein Nagel im Sarg der Muslimbruderschaft", sagte eine von ihnen, Badiea Mansur. Die Muslimbrüder versuchten mit Aktionen wie dem Blockieren von Schienen, die Abstimmung zu stören.

Der Verfassungsentwurf gilt als Herzstück im politischen Fahrplan der Übergangsregierung, der in Präsidentschaftswahlen münden soll. Zudem will die von der Armee gestützte Führung das Referendum zu einem Stimmungstest über den nach dem Sturz Mursis eingeschlagenen Weg ummünzen. Von einem uneingeschränkten "Ja" zur neuen Verfassung erhofft sich die aktuelle Regierung möglicherweise auch ein Mandat für eine Präsidentschaftskandidatur von Heereschef Abdel-Fattah el-Sisi. Ob er Ambitionen für das höchste Staatsamt hegt, hat der General jedoch bislang nicht gesagt.