Der Politiker Rahul Gandhi soll die angeschlagene Kongresspartei in die indische Parlamentswahl im Mai führen. Zwar will die Partei den 43-jährigen Hoffnungsträger nicht formell zum Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten erklären, hat sie am Donnerstag entschieden. Das wird jedoch als politisches Manöver gewertet.

Falls die Kongresspartei die Wahlen gewinnt, gilt es bei vielen Beobachtern als sicher, dass sie Gandhi zum Nachfolger von Ministerpräsident Manmohan Singh ernennt. Singh amtiert seit zehn Jahren, will nun aber kein weiteres Mal antreten. Während eines Treffens der Partei skandierten Tausende Mitglieder und Arbeiter: "Wir wollen Rahul als Ministerpräsidenten." Sie forderten die aktuelle Vorsitzende der Kongresspartei, Sonia Gandhi, auf, ihre Entscheidung zurückzunehmen, ihren Sohn nicht formell zum Ministerpräsidentenkandidaten zu erklären.

Die Kongresspartei befindet sich derzeit angesichts von Korruptionsskandalen, internen Fehden und einer strauchelnden Wirtschaft in der Krise. Beobachter meinen, Gandhi werde zum jetzigen Zeitpunkt nicht zum Kandidaten erklärt, um damit zu vermeiden, dass Wähler ihn zum Sündenbock für die Krise machen könnten.

Mit seiner Wahl zum Führer der Kampagne wird Rahul Gandhi als Gegenspieler zum mächtigen Oppositionsführer Narendra Modi positioniert. Seine Bharatiya-Janata-Partei hat nach gewonnenen Regionalwahlen vom Dezember an Stärke gewonnen. Diese Wahlen galten als Gradmesser für die Stimmung im Land. Indien ist mit seinen 1,2 Milliarden Menschen die weltweit größte Demokratie.

Studium in Harvard und Cambridge

Als Ministerpräsident würde der 43-jährige Gandhi das Erbe seines Vaters, seiner Großmutter und seines Urgroßvaters antreten, die alle einst Indien regierten. Doch als Vertreter der Nehru-Gandhi-Dynastie hat Rahul Gandhi nicht nur den politischen Einfluss seiner Familie erlebt, er hat auch mehrere schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen.

So starb sein Vater Rajiv Gandhi 1991 durch ein Bombenattentat, seine Großmutter Indira Gandhi kam 1984 durch einen Anschlag ums Leben. Die Rolle der Gandhis in Indien erinnert an die der Kennedys in den USA. Auch diese Familie ist für ihren Einfluss in der Politik ebenso wie für tragische Ereignisse bekannt.

Sein politisches Debüt absolvierte Rahul Gandhi 2004, als er für die Kongresspartei INC erfolgreich bei den Parlamentswahlen im Unionsstaat Uttar Pradesh kandidierte. Drei Jahre später wurde er von seiner Mutter Sonia Gandhi, der INC-Vorsitzenden, zum Generalsekretär der Partei erhoben. In den Jahren darauf suchte der als medienscheu und bescheiden geltende Politiker die Nähe zum Volk und zu den Armen des Landes.

Gandhi war vor Beginn seiner politischen Karriere für eine Unternehmensberatungsfirma in London tätig. Der ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler studierte unter anderem an der renommierten Harvard University in den USA und hat einen Master-Abschluss von der englischen Cambridge University.

Der Urenkel des früheren Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru setzte sich in den vergangenen Jahren für eine Verjüngung der INC-Parteibasis ein. Im Januar 2013 wurde er zum Vizechef seiner Partei ernannt.