Seit Mitte der Woche haben Al-Kaidas Gotteskrieger mit Ramadi und Falludscha zwei der wichtigsten Städte des Iraks in Teilen in ihre Gewalt gebracht. Aus den Lautsprechern der eroberten Moscheen dröhnen Kampfparolen. Schwarz-weiße Al-Kaida-Fahnen flattern auf öffentlichen Gebäuden. Ein halbes Dutzend Polizeiwachen liegt in Schutt und Asche, Armeeposten wurden in Panik evakuiert. Über 100 Dschihadisten konnten aus den Gefängnissen entkommen, während ihre schwarz vermummten Gesinnungsgenossen in den Straßen provisorische Sperren errichten.

Obwohl die Zentralregierung in Bagdad eilig Spezialtruppen in die westliche Wüstenprovinz Anbar verlegte, setzten sich die Extremisten am Freitag in weiteren Wohnvierteln fest. Den ganzen Tag nahmen Jagdbomber ihre Stellungen unter Feuer. Die Bodentruppen setzten von den USA gelieferte Hellfire-Raketen in den Straßenschlachten ein, die zur bisher schwersten Staatskrise des Irak seit dem Abzug der Amerikaner vor zwei Jahren eskalieren könnten.

Ärzte in Ramadi sprachen bereits von über 100 Toten. Auch in Falludscha sind die Krankenhäuser nach Angaben von Augenzeugen überwältigt von Leichen und Verwundeten. Verzweifelt versuchten Familien, sich aus den umkämpften Bezirken in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig registrierten UN-Diplomaten eine zunehmende Flüchtlingsbewegung von Irakern über die Grenze nach Jordanien.

Ganze Familien massakriert

Denn die Al-Kaida-Brigaden des Islamischen Staates in Irak und Syrien (Isis) haben im vergangenen Jahr beträchtlichen Zulauf bekommen – vor allem durch den Bürgerkrieg in Syrien und durch die wachsenden Spannungen zwischen schiitischer Mehrheit und sunnitischer Minderheit im Irak. Wie im Norden Syriens wollen die Extremisten nun auch im Westen Iraks eigene Enklaven etablieren, von denen aus sie in der ganzen Region operieren und wo sie ungestört ihre Kämpfer ausbilden können. Ähnliche Al-Kaida-Territorien gab es bisher nur im Jemen entlang der Küste des Golf von Aden. 2011 und 2012 errichtete Al-Kaida dort ein Schreckensregime unter der Zivilbevölkerung, welches Hunderttausende in die Flucht trieb.

Und so gerät neben Syrien auch sein Nachbar Irak mehr und mehr an den Rand eines neuerlichen Bürgerkrieges. Seit dem Ende der verheerenden Todesjahre 2006 und 2007 hat es dort nicht mehr so viele Terrortaten gegeben, wie im zurückliegenden Jahr 2013. Nach Angaben der UN-Hilfsmission für den Irak starben insgesamt 7.818 Menschen, gut 1.000 mehr als im Jahr 2008. Die britische Organisation Iraq Body Count dokumentierte für den gleichen Zeitraum sogar 9.475 Opfer, verglichen mit 10.130 vor sechs Jahren.

"Al Kaida profitiert von der enormen Unzufriedenheit. Sie greift die irakische Regierung an, indem sie Soldaten und Polizisten, Politiker und Journalisten sowie ganz normale schiitische Bürger tötet", heißt es in der Schreckensbilanz von Iraq Body Count. Ganze Familien seien in den vergangenen Monaten massakriert worden, teils zu Hause in ihren Wohnungen oder unterwegs auf Reisen. "Die Risse durch die Gesellschaft sind zu breiten Gräben geworden."