"Die Existenz des Menschen hängt ab von seinem Fleiß" – in goldenen arabischen Lettern auf kobaltblauen Kacheln hängt dieses Koran-Motto über dem Eingang. Drinnen auf den breiten Fluren herrscht peinliche Sauberkeit. Von Ferne hört man leise das Zischen und Rütteln der Maschinen in den hohen Hallenräumen. Masoud Ghasaei ist hier der Chef. Seit fast dreißig Jahren betreibt der 57-Jährige zusammen mit seinem zehn Jahre älteren Bruder die Porzellanfabrik Zarin, die heute der größte Geschirrhersteller des Landes ist. 1.000 Menschen, zwei Drittel von ihnen Frauen, arbeiten auf dem Fabrikgelände, das eine Autostunde von Isfahan entfernt liegt.

Ein Jahrzehnt lang konnte Ghasaei nicht mehr richtig investieren, so wie viele iranische Unternehmer. "Rohstoffe und Ersatzteile sind schwierig zu bekommen", sagt er, der mit hochbetagten deutschen Maschinen produziert. Für den Import neuer Anlagen braucht man Finanz-Mittelsmänner, die alle mitverdienen wollen. Und der Kauf des Kaolin-Rohstoffs im Ausland, aus dem die Teller und Tassen gepresst werden, geht nur mit harten Devisen, die wegen der westlichen Bankensanktionen auf kostspieligen Umwegen beschafft werden müssen.

Seit der Wahl von Präsident Hassan Ruhani und den positiven Atomgesprächen in Genf hofft Irans Wirtschaft auf eine Wende. Am Montag beginnt das sechsmonatige Atommoratorium. Die Europäische Union kündigte an, sie werde im Laufe des Tages die ersten Sanktionen aufheben – bei den Schiffsversicherungen, den Lieferungen von Autoteilen sowie dem Handel mit Gold und Edelsteinen. In den ersten beiden Wochen des Januars reisten bereits mehr europäische Emissäre nach Teheran als im gesamten Jahr 2013. Weitere Wirtschaftsdelegationen haben sich angesagt: aus Frankreich, Italien und Irland. "Die Aktenschränke liegen schon voll mit Verträgen", sagt ein europäischer Insider.

Ölbranche braucht Investitionen von 50 bis 100 Milliarden Euro

Die Ölindustrie ist seit 1979 nicht mehr modernisiert worden. Die Iran-eigenen Uralt-Raffinerien produzieren so minderwertigen Kraftstoff, dass Teheran inzwischen permanent unter einer gelblichen Abgaswolke ächzt. Im Prinzip muss alles erneuert werden, meint ein Wirtschaftsexperte und nennt den Iran "den dicksten Braten auf dem Teller der Weltwirtschaft". Die Ölbranche allein brauche Investitionen von 50 bis 100 Milliarden Euro. Irans Luftfahrt benötigt mindestens 50 neue Flugzeuge. Die Hälfte der 20 Millionen Autos im Land ist inzwischen mehr als 25 Jahre alt.

Und so drängeln vor allem die internationalen Ölmultis wie Total, Shell und ExxonMobil, aber auch die französischen Autoriesen Peugeot-Citroën und Renault, die eine langjährige Partnerschaft mit Iran Khodro verbindet. Irans Manager verhandeln zwar auch mit Mercedes-Benz und Autozulieferern wie Continental und Bosch. Insgesamt aber halten sich deutsche Firmen wie ihre amerikanischen Konkurrenten bisher auffallend zurück. Berlin dämpft die Erwartungen auf ein baldiges Ende der Sanktionen. In Washington fürchtet man gar, das ganze Boykottsystem könne durch das europäische Vorpreschen kollabieren, bevor im Herbst der endgültige Atomvertrag mit dem Iran unter Dach und Fach gebracht ist. Letzte Woche schickte die US-Regierung Unterstaatssekretär David S. Cohen nach Berlin, Wien, Rom, London und Istanbul, um den Europäern eindringlich ins Gewissen zu reden.

"Iran hungert nach Investitionen", sagt Porzellanfabrikant Masoud Ghasaei, während er zusieht, wie seine Arbeiterinnen in beigen Kitteln Henkel an Tassenrohlinge kleben und Teller verzieren. Er hofft vor allem auf bessere Beziehungen zu Deutschland. Hinter den bestehenden Hallen hat er bereits ein Areal für einen Anbau vorbereiten lassen, um seine Jahresproduktion um weitere 3.000 Tonnen zu erhöhen. Der Iran habe ein Imageproblem, sagt er. Das werde sich jetzt hoffentlich mit Ruhani ändern. "Und wenn die politischen Probleme einmal gelöst sind, lassen sich auch die wirtschaftlichen Probleme lösen."