In diesen verrückten und gefährlichen Tagen in Kiew trifft man überall noch verrücktere Typen. Besonders junge Burschen aus dem Westen des Landes, gerade 18 Jahre alt, scheinen am Kriegsspiel im Zeichen der Revolution Gefallen zu finden. Ihre Kratzer und Wunden frisch verbunden, ausgestattet mit Eishockeyschlägern oder Hammerstielen und in Hundertschaften organisiert, lassen sie ihren patriotischen Energien Lauf.

Diese Fans der rechtspopulistischen Swoboda-Partei leisten allein durch ihre Anwesenheit auf dem Unabhängigkeitsplatz seit Anfang Dezember Widerstand gegen die Sondereinsatzpolizisten der Regierung. Aber unter den Menschen auf dem Maidan sind sie nicht die Mehrzahl. Interessant wird es, wenn diese Jüngeren auf Ältere treffen.

Als am Mittwoch vor den Säulen des Dynamo-Kiew-Stadions Autoreifen zu häuserhohen Rauchwänden verbrennen, Molotow-Cocktails sowie Pflastersteine fliegen und Scharfschützen der Polizei zurückschießen, schnappt sich Mykola Matusewitsch einen kleinen Schlitten. Der 76-Jährige mit dem weißen Schnurrbart rutscht im Hof eines an die Kampfzone grenzenden Hauses einen Weg hinunter. Er will unten den Jungen zeigen, wie man Molotow-Cocktails baut.  

Kein Weg zurück

Neben dem kleinen, alten Mann lodert ein Feuer, davor stehen Bierflaschen, ein Kanister mit Öl und einer mit Benzin. Matusewitsch sagt, er fühle sich wie ein Salat, wegen seiner vier Hosen. Ein Freund von Gewalt sei er nicht. Und die Molotows? "Ja, was soll ich machen? Einen Weg zurück gibt es nicht mehr", antwortet er.

Begonnen hat dieser Weg für Matusewitsch vor fast einem halben Jahrhundert. Damals in der Sowjetunion begann sich der junge Geschichtslehrer für Demokratie und Rechtstaatlichkeit in der Ukraine einzusetzen. Mit seinen Freunden von der Helsinki-Gruppe, einer Menschenrechtsorganisation, deren Präsident 1975 den Friedensnobelpreis bekam, veröffentlichte er vier Memoranden. Danach holte ihn die Polizei zu Hause ab. Wegen Propaganda-Vergehen war er sieben Jahre in Perm im Gefängnis und danach noch einmal fünf Jahre in Sibirien.

Drei Jugendliche lauschen Matusewitschs Worten. Hinter Gittern habe er damals kaum Briefe von jungen Leuten empfangen, sagt er, heute sei die Menschenrechtsbewegung wegen Tausender engagierter Jugendlicher nicht mehr aufzuhalten. Der alte Mann ist beeindruckt.

Eine Revolutionsbewegung ist entstanden

Rentner wie Matusewitsch sind es, die im Zentrum Kiews den vielen Studenten erklären, wie sie ihre Festung am Maidan am besten verteidigen. Seit dabei nach Oppositionsangaben fünf Männer ihr Leben verloren, ist eine neue Stufe der Eskalation erreicht. Vor dem Stadion halten die Kämpfe an. Den Beamten gelingt es nicht, die Aufständischen zurückzudrängen.

Nach mehr als zwei Monaten friedlichen Protests scheint die Gewalt vor allen den Protestierenden neuen Schwung zu geben. Aus den Demonstranten ist eine Revolutionsbewegung geworden.

Entsetzt und empört wegen der von Polizisten erschossenen Bürger kommen am Mittwoch immer mehr Ukrainer ins Zentrum Kiews. Freiwillige melden sich, um die Barrikaden zu verstärken, Medikamente zu verteilen oder Gehwege aufzureißen, um den Nachschub an Pflasterstein-Munition zu sichern. Als die Nachricht die Runde macht, dass sich Präsident Viktor Janukowitsch zwar am Nachmittag zu stundenlangen Verhandlungen mit den drei Oppositionsvertretern trifft, aber gleichzeitig die Armee im Kampf gegen das eigene Volk mobilisiert wird, strömen noch mehr Menschen zum Maidan.

"Neuwahlen, Neuwahlen, Neuwahlen."

Der 76-Jährige Mykola Matusewitsch © Steffen Dobbert

Am Abend sind geschätzt Hunderttausend Menschen vor der Bühne auf dem Maidan versammelt, der Platz ist voll wie in den vergangenen Wochen selten. Nebeneinander stehen Mütter mit ihren Kindern, Gruppen von befreundeten Jugendlichen, Arbeitskollegen, die gerade Feierabend gemacht haben und Rentner. Stündlich legen sie  ihre rechte Hand auf die Brust und singen im Schneegestöber die Nationalhymne. Alle warten auf Vitali Klitschko, Oleh Tjagnibok und Arseni Jazenjuk. 

Die Vertreter der drei Oppositionsparteien hatten in der vergangenen Woche an Rückhalt verloren, sie waren gar auf dem Maidan ausgebuht worden, weil sie untereinander zerstritten wirkten und der Regierung keine Zugeständnisse abtrotzen konnten.

Doch als Klitschko jetzt das Mikrofon mit der rechten Hand umklammert, den Kopf senkt und zögert, bevor er die ersten Worte spricht, herrscht angespannte Hoffnung. Der ehemalige Sportler war nie ein guter Redner, er ist es auch jetzt nicht. Er kann auch wieder keine konkreten Ergebnissen aus den Verhandlungen mit dem Präsidenten verkünden. Aber die Menschen jubeln ihm zu. Sie skandieren "Neuwahlen, Neuwahlen, Neuwahlen." Klitschko warnt vor neuer Gewalt, doch er sagt auch: "Wenn ihr wollt, dass ich kämpfe, dann kämpfe ich."

Danach werden Tjagnibok von der rechtspopulistischen Swoboda und Jazenjuk von Timoschenkos Vaterlandspartei konkreter. Sie befürchten, dass die Soldaten in der kommenden Nacht den Maidan stürmen werden, mobilisieren zur Verteidigung und stellen dem Präsidenten ein letztes Ultimatum. Wenn Janukowitsch nicht in 24 Stunden zurückgetreten sei, werde am Donnerstag für nichts mehr garantiert. Jazenjuk, ein zierlicher Mann, der meist durch geschliffene Rhetorik glänzt, brüllt der Masse entgegen: "Heute verteidigen wir den Maidan. Und wenn wir morgen Kugeln im Kopf haben, haben wir Kugeln im Kopf."

Matusewitsch nickt anerkennend. Er steht etwa 200 Meter vor der Bühne, zwei Jugendliche haben ihm mit seinem Schlitten den Berg zum Maidan hinauf geholfen. Er hält Klitschko für den einzigen möglichen Nachfolger Janukowitschs. Aber an diesem Abend sei die gesamte Opposition überzeugend aufgetreten.

Der Rücken des 76-Jährigen schmerzt. Nach den Reden der Politiker läuft er kurz rüber zu seiner Schwester, die den ganzen Tag im besetzten Gewerkschaftshaus Butterbrote für die Demonstranten geschmiert hat. Matusewitsch geht an aufgeregten jungen Männern vorbei, die befürchten, in den kommenden Stunden werde der Maidan gestürmt. Sie wollen die Barrikaden verstärken.

Matusewitsch beruhigt sie. Sein Gefühl sage ihm, dass die Polizisten einen solchen Einsatz jetzt nicht mehr wagen. Und, ergänzt er, wenn sie doch noch schießen, werde er sich "als alter Sack vor die jungen Leute werfen". Es sei besser hier zu sterben als zu Hause am Ofen.

Sein Gefühl hat gestimmt. Die Nacht verläuft ruhig im Zentrum Kiews.

Weitere Artikel finden Sie im ZEIT ONLINE eBook Euromaidan – Protest und Zivilcourage in der Ukraine von Steffen Dobbert hier.