Michail Chodorkowski will es niemandem recht machen. Seit über einem Monat ist Russlands einstiger politischer Gefangener Nummer eins auf freiem Fuß. Über Jahre haben russische Menschenrechtler, die alte Garde der Opposition und auch die westliche Öffentlichkeit ihn zu einem Märtyrer stilisiert, der im Gefängnis sitzt, weil er als reichster Mann Russlands und gleichzeitiger Verfechter demokratischer Ideen Putin zu gefährlich wurde. Doch bei Weitem nicht alles, was Chodorkowski nun in zahlreichen Interviews sagt, passt zum Bild eines liberalen Vorreiters. Beinahe ungläubig fragen russische Journalisten nach, wenn er sich nun als staatsliebender Patriot präsentiert, dessen strategische Ziele für Russland, wie er sagt, "zu 70 Prozent mit den Vorstellungen von Wladimir Putin übereinstimmen".

Chodorkowski ist sich der Wirkung solcher Worte durchaus bewusst. Es tue ihm leid, dass er mit seinen Äußerungen wohl seine liberalen Anhänger in Russland enttäusche. Doch auch das Bild, das viele seiner Unterstützer im Westen vom ehemaligen Ölmagnaten haben, bedarf offenbar einer Korrektur. Vielen galt er zwar auch als jemand, der dank der dubiosen Privatisierung russischen Staatseigentums zum Milliardär aufgestiegen sei. Es dominierte jedoch ein anderer Chodorkowski, der kompromisslose Putin-Kritiker und Verfechter einer Marktwirtschaft westlicher Prägung.

In seinen Interviews aus der Gefängniszelle heraus hielt er sich mit der Kritik an den korrupten und undemokratischen Verhältnissen in Russland nicht zurück. Kaum Beachtung im Ausland fanden jedoch jene Worte, die nicht ins gängige Muster passen. Etwa zum Georgien-Krieg im August 2008, als sich der politische Gefangene Chodorkowski auf die Seite des Kremls stellte. Die russische Führung habe keine andere Wahl gehabt, als auf den georgischen Angriff mit einem militärischen Gegenschlag zu reagieren.

"Schlechte Regierung besser als keine"

Zu Recht rügten westliche Staatschefs, darunter Angela Merkel, dass politische Gründe bei der Verhaftung von Chodorkowski eine Rolle spielten. Unabhängig von seiner Biographie gibt es genug Anhaltspunkte dafür, ihn als Opfer eines korrupten Systems zu bezeichnen. Nur sollten daraus eben keine voreiligen Schlüsse über das Weltbild des Ex-Oligarchen gezogen werden.

Bereits ein Jahr nach seiner Verhaftung veröffentlichte Chodorkowski einen Aufsatz in der Wirtschaftszeitung Wedomosti, in dem er mit dem russischen Liberalismus und der marktwirtschaftlichen Umwälzung der neunziger Jahre abrechnete. Den meisten Oligarchen warf er vor, Russland nur als "Territorium für die freie Jagd" zu betrachten, ihr eigenes Leben dagegen mit dem Westen zu verbinden. Das kosmopolitische Weltbild müsse der Vergangenheit angehören. "Das liberale Projekt Russlands kann nur im Kontext nationaler Interessen gelingen", so Chodorkowski. 

Er selbst zeigte sich in der Rolle des Geläuterten und schlug patriotische Töne an. Egal ob man Putin möge oder nicht, man müsse aufhören, an der Legitimität des Präsidenten zu zweifeln: "Die Geschichte unseres Landes lehrt: Eine schlechte Regierung ist besser als keine."