Müde? Grau? Lustlos? Als der Präsident am Rednerpult stand, war all das, was Barack Obama zuletzt oft mit gutem Grund vorgeworfen wurde, auf einmal Makulatur. Der Staatsmann präsentierte sich in seiner Rede an die Nation kämpferisch, entschieden, bisweilen sogar humorvoll – und besonders wichtig: voller politischem Tatendrang.

Wie schon so oft, wenn Obama in großen Schwierigkeiten steckte, wenn die Zustimmung zu seiner Politik und die Sympathien für ihn als Präsidenten schwanden, gab er sich plötzlich einen Ruck und bekam neuen Schwung.

Ob er das verloren gegangene Vertrauen wiedergewinnen kann, muss sich erst zeigen. Eine Rede bringt noch keine Wende. Und dennoch: Gerade diese Rede zur Lage der Nation war besonders wichtig. Für ihn, für die Aussichten seiner Partei – und nicht zuletzt für seinen Platz dereinst in den Geschichtsbüchern.

Ob Obama nicht nur als erster schwarzer Präsident Amerikas in die Geschichte eingehen wird, sondern überdies als ein erfolgreicher, wird sich in diesem Jahr mitentscheiden. Daran, ob die Gesundheitsreform trotz aller gravierender Fehler am Ende doch noch gelingt. Ob ein Atomwaffendeal mit dem Iran zustande kommt. Ob eine Einwanderungsreform auf den Weg gebracht wird. Und ob Obama dank seiner Persönlichkeit und Anziehungskraft noch Wahlen gewinnen kann.

Das erste Jahr ist verloren

Am 4. November wird das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt. Frühere Abstimmungen zeigen, dass gerade diese Halbzeitwahlen besonders riskant für die Partei des Präsidenten sind. Das Wahlvolk ist oft genervt, enttäuscht oder auch gelangweilt vom Chef des Weißen Hauses.

Es kommt bei diesen Wahlen darum im besonderen Maße auf das Ansehen des Präsidenten an. Je beliebter er ist, desto geringer die Gefahr einer dramatischen Niederlage. Derzeit hat Obama keine Strahlkraft. Das vergangene Jahr, das erste Jahr nach seiner Wiederwahl, war so gut wie verloren.

Viel zu viel ging daneben, zum Beispiel die von einer Mehrheit gewünschten schärferen Waffengesetze, die Einführung der umstrittenen Gesundheitsreform, ein großer Haushaltsentwurf, die Syrienpolitik. Schließlich enthüllte der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden die globale Datenspionage der NSA.

Die Folge: nur 42 Prozent der Amerikaner stützen noch Obamas Politik. Schlimmer noch: Viele haben auch ihr Vertrauen in ihn verloren. Zudem, die Mehrheit findet, der Präsident sei zu zögerlich, er verändere die schwierige ökonomische Lage Amerikas zu langsam.

Die Wahlen und sein eigenes Schicksal vor Augen griff er in seiner Rede vor allem populäre Themen auf: Frauenrechte, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die Erhöhung des Mindestlohns, bessere und zeitgerechtere Berufsausbildung.