Der russische Präsident Wladimir Putin hat Milliardenhilfen an das finanziell angeschlagene Nachbarland Ukraine vorerst gestoppt. "Lassen wir uns Zeit, bis die neue Regierung in der Ukraine steht", sagte er bei einem Treffen mit Regierungschef Dmitri Medwedew. Russland habe von den im Vorjahr in Aussicht gestellten 15 Milliarden Dollar bereits drei Milliarden Dollar nach Kiew überwiesen und wolle seine Zusagen einhalten, sagte Putin. Der Präsident hatte bereits versichert, das Geld unabhängig vom Ausgang des Machtkampfs in der Ukraine zahlen zu wollen.

Medwedew sagte, vor weiteren Zahlungen müsse die Entwicklung in Kiew klar sein. "Wir können nur bedacht handeln, wenn wir wissen, welche Wirtschaftspolitik die neue Regierung verfolgt, wer in ihr sitzen wird und welches ihre Prinzipien sein werden", sagte Medwedew. "Das ist vernünftig", sagte Putin. Die prorussische ukrainische Regierung war am Dienstag auf Druck der proeuropäischen Opposition geschlossen zurückgetreten.

Putin hatte beim EU-Russland-Gipfel am Dienstag in Brüssel gesagt, dass Moskau am Kredit von 15 Milliarden Dollar (rund elf Milliarden Euro) und an Rabatten beim Gaspreis für Kiew festhalten wolle. Es gehe darum, damit den einfachen Bürgern der Ukraine zu helfen.

Am Mittag beriet das ukrainische Parlament über weitere Zugeständnisse an die Opposition. Die Gespräche über eine Amnestie für Demonstranten, die bei den wochenlangen Protesten gegen Präsident Viktor Janukowitsch festgenommen wurden, gestalteten sich aber schwierig. Die Sitzung des Parlaments wurde nach Kurzem unterbrochen.

"Es ist eine Revolution"

Expräsident Leonid Krawtschuk rief zu Beginn der Sitzung die Abgeordneten auf, einen Plan für eine Lösung des Konflikts auszuarbeiten, da sich das Land am Rande eines Bürgerkriegs befinde. "Es gibt parallele Autoritäten im Land und de facto einen Aufstand", sagte Krawtschuk. "Es ist eine Revolution. Es ist eine dramatische Situation, in der wir mit größter Verantwortung handeln müssen", sagte Krawtschuk, der erste Präsident nach der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion 1991.

Als "Zeichen des guten Willens" beendeten radikale Regierungsgegner in der Ukraine ihre Besetzung des Agrarministeriums. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Aktivisten der Bewegung Spilna sprawa (Gemeinsame Sache) das Gebäude in Kiew verließen. Dabei kam es zu Handgreiflichkeiten mit nationalistischen Demonstranten. Einige Aktivisten seien noch im Ministerium, sagte Alexander Daniljuk von Spilna sprawa. Die Demonstranten hatten die Behörde in der vergangenen Woche gestürmt. Die Opposition um Vitali Klitschko hatte die Aktivisten zur Räumung aufgefordert.  

In Kiew war es ansonsten weitgehend ruhig, nachdem das Parlament am Dienstag als Zugeständnis an die Opposition die umstrittenen Gesetze annulliert hatte, mit denen vor zwei Wochen die Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt worden war. 

Ashton zu Gesprächen in Kiew

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bemühte sich in Kiew erneut um Vermittlung zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition. US-Vizepräsident Joe Biden drängte Janukowitsch in einem Telefonat, den Dialog mit der Opposition fortzusetzen.

Anlass der seit November andauernden Massenproteste in der Ukraine war die Abkehr von Präsident Janukowitsch von einem bereits ausgehandelten EU-Assoziierungsabkommen. Doch richtete sich der Widerstand rasch allgemein gegen seine Regierung.