Viktor Janukowitsch sieht gerade zu, wie viele Bürger seines Landes Revolutionsgeschichte schreiben. Im Mittelpunkt steht er, der zum zweiten Mal ein sicher geglaubtes Präsidentenamt verlieren könnte. Momentan deutet vieles darauf hin, dass der Aufstand endet wie 2004 bei der Orangenen Revolution. Die Mehrheit des Volkes wird nicht aufhören zu protestieren, bevor ein Termin für vorgezogene Neuwahlen steht. Schon jetzt lässt sich erkennen, durch welche Kräfte die Revolution möglich wurde. Darüber sind in der deutschen Öffentlichkeit allerdings Missverständnisse entstanden:

1. Die EU ist nicht der Grund für die Proteste

Als Janukowitsch am 21. November 2013 erklärte, er wolle das über Jahre ausgehandelte und unterschriftsreife Assoziierungsabkommen mit der EU doch nicht gegenzeichnen, folgten einige Hundert junge Ukrainer dem Facebook-Aufruf eines Journalisten, brachten Tee mit und trafen sich im Zentrum Kiews. So begannen die ersten Demonstrationen auf dem Maidan. Ein Auslöser für die Proteste war das geplatzte EU-Abkommen schon. Doch dass daraus eine Revolutionsbewegung wurde, hat noch viele andere Gründe.

  • Die persönliche Bereicherung des Präsidenten und seiner Familie: Janukowitsch bewohnt einen Luxus-Landsitz. Die Meschigorja war seit 1991, als die Ukraine unabhängig wurde, ukrainisches Staatseigentum. Janukowitsch hat es jedoch über dubiose Firmen in London und Wien geschafft, das Anwesen quasi zu privatisieren. Ein anderes Beispiel ist Janukowitschs Sohn Alexander, ein Zahnarzt, der mittlerweile Hotel-, und Bürokomplexe bauen lässt und die All-Ukrainische Entwicklungsbank steuert.
  • Der Wahlbetrug: 2010, als Janukowitsch zum Präsidenten gewählt wurde, beklagten unabhängige Wahlbeobachter Unstimmigkeiten; bei den Parlamentswahlen 2013 wurden dann Stimmen gekauft und Wähler zur Stimmabgabe für Janukowitschs Partei der Regionen gedrängt.
  • Die Korruption: Bestechliche Polizisten, Professoren, Lehrer, Ärzte, Beamte sind in der Ukraine keine Seltenheit. Teile des Justiz- und Wirtschaftssystems sind korrupt. 
  • Die schwache Ökonomie des Landes ist eine Folge dessen. Ukrainer haben im Durchschnitt ein bis zu zehn Mal geringeres Einkommen als Deutsche, zahlen im Restaurant, im Supermarkt oder im Autohaus aber fast die gleichen Preise.

2. Die Proteste sind keine Neuauflage der Orangenen Revolution

Auf dem Maidan demonstrieren viele Menschen, die die Orangene Revolution 2004 nicht miterlebt haben, weil sie damals zu jung waren. Die Mittezwanzigjährigen kennen Europa oder Amerika von Besuchen, Schüleraustauschprogrammen oder Facebook. Sie wissen, für welche Freiheiten und Werte sie kämpfen; sie haben bei der Fußball-EM 2012 mit Fans aus ganz Europa gefeiert und lesen regierungskritische Medien. Und sie teilen nicht die leidvolle Erfahrung der Demonstranten von 2004, die eine Revolution erst siegen und dann scheitern sahen. 

Neben ihrer Naivität und ihrem Willen haben die Jugendlichen die Macht der digitalen sozialen Medien in die Proteste eingebracht. Mithilfe von Twitter, Facebook und dem russischen Vkontakte ist ein Digitalmaidan entstanden, der zu einem noch größeren Ort der Mobilisierung, des Austauschs und der Organisation der Revolution geworden ist als der Euromaidan in Kiew. 

Das gab es 2004 nicht. Damals war der Aufstand auch anders, weil die Ziele der Demonstranten klarer waren: Die gerade gefälschten Präsidentschaftswahlen sollten rasch wiederholt werden und mit Viktor Juschtschenko gab es, anders als dieser Tage, einen Oppositionskandidaten, der von der Mehrheit der Ukrainer zum Präsidenten gewählt wurde.

3. Es gibt nicht DIE Oppositionsbewegung

Auf dem Maidan stehen Zelte von Menschen aus allen Teilen der Ukraine. Die meisten Bewohner des Revolutionsdorfes kommen aus dem Westen oder der Mitte der Ukraine. Ihre Ablehnung gegen Russland ist mehrere Generationen alt, Stichwort Holodomor. So bezeichnen die Ukrainer die Zeit zu Beginn der dreißiger Jahre, in der durch Stalins Zwangskollektivierung über Jahre Hunger herrschte und mehr als drei Millionen Ukrainer starben. 

Alle Demonstranten fordern Neuwahlen. Doch es gibt viele unterschiedliche Gruppierungen, die zusätzlich ganz eigene Interessen vertreten.

  • Die Patrioten: Die Anhänger der rechtsextremen Swoboda-Partei sind auf dem Maidan nicht in der Mehrzahl, bestimmen aber die Protestaktionen, weil sie wie in einer Armee der Opposition organisiert sind. Ein radikaler Teil der Swoboda-Anhänger ist der Rechte Sektor, eine Gruppe von jungen gewaltbereiten rechtsextremen Kämpfern, die mit selbstgebauten Waffen gegen die Sondereinsatzpolizisten vorgehen.
  • Die Ultras: Fußball ist die beliebteste Sportart in der Ukraine. Die organisierten extremen Fans fast aller ukrainischer Fußballklubs haben sich inzwischen mit der Oppositionsbewegung solidarisiert. Die prügelerprobten Hooligans helfen, die Barrikaden gegen die Polizei zu schützen. In anderen Städten der Ukraine verhindern sie, dass von Demonstranten besetzte Gebäude oder Plätze von der Polizei geräumt werden.
  • Die Timoschenko-Anhänger: Ein häuserwandgroßes Porträtbild der einstigen Ministerpräsidentin hängt seit den ersten Tagen des Protestes auf dem Weihnachtsbaum-Gerippe am Maidan. Alle paar Tage meldet sich Julija Timoschenko mit einem Brief aus dem Gefängnis, der meist von ihrer Tochter am Maidan vorgelesen wird. Für ihre Anhänger ist Timoschenko die wahre Präsidentin der Ukraine, sie glauben, dass sie aus politischen Gründen im Gefängnis ist. Sollte die Revolution erfolgreich enden und Timoschenko das Gefängnis verlassen, wäre sie neben Klitschko eine aussichtsreiche Kandidatin für das Amt.

4. Vitali Klitschko ist nicht DER Oppositionsführer

Die Rolle Vitali Klitschkos in der Revolutionsbewegung wird oft falsch dargestellt. Er ist eben anders als die anderen Beteiligten der einzige, der in Deutschland bekannt ist. Natürlich hat eine Schlagzeile wie Klitschkos härtester Kampf bei einem ehemaligen Schwergewichtsweltmeister besonderen Charme. Tatsächlich ist Klitschko einer von drei Parteivorsitzenden aus dem Lager der Opposition. Bei den vergangenen Parlamentswahlen schloss seine Udar-Partei schlechter ab als die Vaterlandspartei von Timoschenko und Arseni Jazenjuk. Auf dem Maidan pfiffen die Menschen Klitschko in den vergangenen Tagen sogar aus. Weil er sich auf Einzelverhandlungen mit Janukowitsch einließ, aber keine Erfolge erzielte, und weil er versuchte, die Protestierenden zu bremsen, nachdem bekannt geworden war, dass Demonstranten getötet worden waren.

Seine politische Stärke hat Klitschko vor allem der Schwäche der beiden anderen Oppositionsvertreter zu verdanken. Oleh Tjahnibok, das Gesicht der rechtsradikalen Swoboda, ist zwar ein energischer Agitator, dem viele Ukrainer auf dem Maidan und im Westen des Landes zuhören. Doch als Repräsentant des ganzen Landes kommt ein Rechter aus der Westukraine nicht infrage. Jazenjuk, für viele der Vertreter Timoschenkos, hat aus Sicht vieler Ukrainer zwei Makel: Er ist Politiker und war einmal Minister.         

Klitschko wirkt im Vergleich mit dem Ökonomen Jazenjuk manchmal wie ein Anti-Politiker: Er ist kein guter Redner, sein Ansehen verdankt er dem Boxring. Doch genau das könnte ihm bei der nächsten Präsidentschaftswahl Stimmen von politikverdrossenen Ukrainern einbringen. Auch ein anderer Nachteil könnte ihm langfristig helfen: Weil Klitschkos Ukrainisch nicht besonders gut ist, spricht er oft Russisch zu den Menschen. Das dürfte den Wählern aus dem russischsprachigen Osten des Landes gefallen.

5. Der friedliche Protest hat Janukowitsch nicht zum Einlenken gebracht

Mehr als zwei Monate campierten die Demonstranten friedlich in Kiews Zentrum, ohne Zugeständnisse des Präsidenten zu erreichen. Vor gut einer Woche dann wandelte sich der Protest plötzlich: Ein Teil der jungen Männer griff zu Pflastersteinen und Molotowcocktails. Die Ultrafans, der Rechte Sektor und andere Anhänger der rechtsextremen Swoboda-Partei radikalisierten die Proteste. Paradoxerweise waren es die gewalttätigen Aktionen dieser Gruppen, die die bis dahin friedlichen Demonstrationen voranbrachten: Plötzlich weitete sich die Revolutionsbewegung in fast alle anderen Regionen der Ukraine aus. Angesichts der brennenden Autoreifen machte Janukowitsch Zugeständnisse, entließ seinen Ministerpräsidenten und revidierte Gesetze.

Was machen die Oligarchen?


6. Von der EU haben die Ukrainer kaum Unterstützung bekommen

Eigentlich müssten die Volksvertreter Deutschlands und der EU den Ukrainern ohne Pause applaudieren. Denn die Werte und Rechte, für die die Ukrainer auf der Straße ihr Leben riskieren, sind mehrheitlich europäische. Die Ukraine ist das größte völlig in Europa liegende Land, ein wichtiger Teil des Kontinents. Viele Bürger der EU könnten sich allein deshalb für die Ukrainer interessieren, weil die Demonstrationen an die Volksaufstände in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und in der DDR in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnern. 

Dass es in der Ukraine soweit kommt, haben viele in Brüssel nicht gedacht. Die Ukraine-Politik hatte dort keine Priorität. Die Angst vor einem schwierigen Beitrittskandidaten schien die Diplomaten zu lähmen. Während Russland Fakten schuf, schaute die EU zu, wie ihre Außenpolitik um das Assoziierungsabkommen im Desaster endete. Jetzt, nachdem die Revolutionsbewegung der Ukrainer ihr Ziel fast erreicht hat, könnte die EU handeln. Für den Fall von fairen Wahlen könnte sie etwa eine Vereinfachung der Visa-Vergabe in Aussicht stellen oder Handelsabkommen umsetzen. Die Ministerpräsidenten von Ungarn, Tschechien, Polen und der Slowakei haben diese Dinge nun diskutiert. Geschehen ist aber noch nichts.


7. Der Maidan hat nicht das letzte Wort

Dass der Präsident am vergangenen Samstag plötzlich eine Neubildung der Regierung anbot, die Anti-Demonstrationsgesetze rückgängig machte und womöglich Neuwahlen zustimmen wird, mag an den gewaltsamen Protesten liegen. Doch vermutlich steckt hinter dem Einlenken auch der Einfluss der ukrainischen Oligarchen.

Der reichste Mannes der Ukraine heißt Rinat Achmetow und gilt als Macher, Förderer und Lenker Janukowitschs. Kurz vor den Verhandlungen am Samstag veröffentlichte der Besitzer des Fußballklubs Schachtjor Donezk und zahlreicher Industriezweige in der Ostukraine auf der Website der ihm gehörenden SCM-Group ein Statement zur aktuellen Situation. Er forderte ein Ende der politischen Krise. Andere Oligarchen erklärten sich ebenfalls mit der Opposition solidarisch. Nichtstaatliche TV-Sender der Ukraine, die im Besitz anderer Oligarchen sind, berichten kritisch über das gewaltsame Vorgehen der Sondereinsatzpolizisten. Und Petro Poroschenko, Besitzer des Schokoladen-Konzerns Roschen, trat auf dem Maidan auf und kündigte an, das Stadion von Dynamo Kiew aus eigener Tasche zu restaurieren, wenn die Revolutionsbewegung erfolgreich sei. Er ist nun als neuer Ministerpräsident im Gespräch.  

Die reichen Geschäftsmänner dürften fürchten, an Macht zu verlieren oder gar enteignet zu werden, falls sich die Ukraine Richtung Diktatur entwickelt. Ein schwacher Präsident ist ihnen lieber als ein autokratischer Herrscher – nach dem Vorbild Putins in Russland.

Eben der wird weiterhin versuchen, die Geschehnisse in der Ukraine zu steuern. Spätestens Ende Februar, wenn die für ihn so wichtigen Olympischen Spiele in Sotschi erfolgreich beendet sein werden, könnte Putin auf Rückzahlung des von ihm gewährten 15-Milliarden-Dollar-Kredits drängen oder ein Importverbot für ukrainische Güter durchsetzen. Viele ukrainische Lebensmittel, Maschinenbau-Produkte, Stahlwerkerzeugnisse bräuchten dann einen neuen Absatzmarkt.


Weitere Artikel finden Sie im ZEIT ONLINE eBook Euromaidan – Protest und Zivilcourage in der Ukraine von Steffen Dobbert hier.