Während neuer Massenproteste der ukrainischen Opposition hat es in Kiew Krawalle zwischen Demonstranten und der Polizei gegeben. Ein Polizeibus ging in Flammen auf, Maskierte versuchten, Absperrungen im Regierungsviertel zu durchbrechen und das Parlament zu stürmen. Die Polizei setzte Tränengas, Blendgranaten und Wasserwerfer ein. 70 Polizisten wurden nach Angaben des Innenministeriums verletzt, hinzu kämen mehrere Demonstranten.  

Der prowestliche Oppositionspolitiker und Exboxweltmeister Vitali Klitschko wurde Medienberichten zufolge mit einem Feuerlöscher besprüht, als er versuchte, die wütende Menge zu beruhigen. Klitschko forderte die Demonstranten zur Ruhe und zu Verhandlungen mit der Polizei auf.

Im ukrainischen Fernsehen sagte Klitschko, er habe sich anschließend mit Präsident Viktor Janukowitsch zu einem Gespräch unter vier Augen getroffen. Dabei sei ein Vermittlungsausschuss vereinbart worden, der aus Vertretern des Präsidialamtes, der Regierung und der Opposition bestehen soll. Klitschko sagte weiter, die Verhandlungen, die am morgigen Montag beginnen könnten, seien die einzige Option, um ein Blutvergießen zu verhindern. Der runde Tisch solle außerdem öffentlich übertragen werden. Auch Oppositionsführer Arseni Jazenjuk sagte, Janukowitsch habe ihn angerufen und Verhandlungen angeboten.

Der britische Außenminister William Hague rief die Konfliktparteien zur Besonnenheit auf. Gewalt sei nicht die Lösung, schrieb Hague auf Twitter. Auch die US-Botschaft in Kiew forderte ein Ende der Ausschreitungen. Die Regierung müsse umgehend Verhandlungen aufnehmen.

Zahlreiche Demonstranten hatten kurz zuvor auf einer Massenkundgebung auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz Maidan gegen demokratische Rückschritte in der Exsowjetrepublik demonstriert. Über die Zahl der Demonstranten gibt es unterschiedliche Angaben; sie schwanken zwischen 100.000 und 200.000.

Viele Aktivisten zeigten ihren Unmut darüber, dass die Opposition nach zwei Monaten des Protestes keine Ergebnisse vorweisen könne. Insbesondere gegen Klitschko gab es Buhrufe bei der Kundgebung. Er steht in der Kritik, unentschlossen zu handeln und die zersplitterte Opposition nicht vereinen zu können. Der Boxer hatte sich immer wieder für einen friedlichen Machtwechsel ausgesprochen. Auch Jazenjuk warnte vor einem "blutigen Machtwechsel". Beobachtern zufolge fordern vor allem jüngere Demonstranten rasche Veränderungen. "Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen", sagte Dmitri Bulatow, einer der führenden Initiatoren der Straßenproteste.

Als Chef seiner Partei Udar forderte Klitschko erneut vorgezogene Präsidentenwahlen, um Staatschef Janukowitsch abzulösen. Unter Protest auch der inhaftierten Exregierungschefin Julija Timoschenko hatte das Parlament zuvor mehrere umstrittene Gesetze gegen Regierungsgegner verabschiedet.

Sie sehen unter anderem Geldstrafen für Demonstranten vor, die sich mit Gesichtsmasken vermummen oder Helme tragen. Für den nicht genehmigten Aufbau von Bühnen und Zelten auf öffentlichen Plätzen können 15 Tage Haft verhängt werden, bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen für die Blockade öffentlicher Gebäude. Außerdem hatte ein Gericht ohne Angaben von Gründen entschieden, dass im Zentrum von Kiew bis zum 8. März nicht mehr demonstriert werden dürfe. Viele Demonstranten trugen Karnevalsmasken, Töpfe, Siebe oder Kartons auf dem Kopf, um die verschärften Sanktionen für vermummte Demonstranten lächerlich zu machen.

Der Maidan in Kiew ist seit November die Anlaufstelle für die Oppositionsanhänger. Sie protestieren gegen die Entscheidung von Janukowitsch, ein über Jahre ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. Der Präsident handelte dabei offenbar auf Druck Russlands, das ihm anschließend einen Milliardenkredit und einen Preisnachlass bei Gaslieferungen gewährte.