Als sie im Rollstuhl dort ankommt, wo sie seit Jahren hin will, ist ihr das nicht genug. Auf der Bühne des Maidan will sie bis ganz an den Rand geschoben werden. "Dichter, dichter! Noch dichter!", schreit Julija Timoschenko. Als sie ihren Platz eingenommen hat, umklammert sie das Mikrofon. Sie ist jetzt so nah wie möglich an den Menschen, den Menschen unter ihr.

Eine historische Szene ist das, am Samstagabend des 22. Februar 2014. Hunderttausende hören auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew zu, Millionen verfolgen die Szene in der ganzen Welt. Jahrelang war die 53-Jährige im Gefängnis-Krankenhaus verschwunden. Sie litt unter Rückenschmerzen und war mehrmals aus Protest gegen den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch im Hungerstreik. Jetzt redet sie, frei, fast eine halbe Stunde. Sie flucht, sie weint. "Meine Lieben", nennt sie die Ukrainer. Und gleich am Anfang sagt sie: "Scharfschützen haben in unser Herz geschossen. Die Kugeln werden wir dort behalten, für immer!"

Noch am selben Abend verbreitet sich über die sozialen Netzwerke eine Fotomontage von diesem Auftritt. Darauf übergibt Leonardo DiCaprio der ukrainischen Politikerin seinen Oscar, für die perfekte Inszenierung. Diese Botschaft wirkt übertrieben, unfair. Aber sie entspricht der Wahrnehmung vieler Ukrainer.

Timoschenko war fast drei Jahre eingesperrt. Sie konnte in ihrer abgeriegelten Etage im Krankenhaus in Charkiw nur Briefe schreiben, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Lange musste sie warten. Aber jetzt auf der Bühne hört es sich an, als wäre sie nie weg gewesen. Dabei haben sich die Dinge in der Zwischenzeit verändert. Ohne sie.

Seit Ende November 2013 halten die Menschen bei bis zu zwanzig Grad Minus den Unabhängigkeitsplatz in Kiew besetzt, vergangene Woche haben mehr als 80 von ihnen bei Kämpfen mit Regierungseinheiten ihr Leben verloren. In ihrer Rede bezieht sich Timoschenko auf diese Ereignisse. Eine Zuschauerin sagt, Timoschenkos Worte seien das Mitreißendste, was sie seit Beginn der Revolution gehört habe. Bloß glaube sie der früheren Politikerin nicht mehr jedes Wort.