Die ukrainische Protestbewegung hat den Politiker Arseni Jazenjuk als neuen Regierungschef nominiert. Der sogenannte Maidan-Rat, in dem die Führungsspitzen der bisherigen Oppositionsbewegung versammelt sind, bestimmte den 39-jährigen Vorsitzenden der Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko zum Kandidaten für das Amt.

Die Bestätigung der neuen Regierung ist für diesen Donnerstag im Parlament angesetzt. Wie das neue Kabinett von Jazenjuk genau aussehen wird, ist noch unklar. Die Udar-Partei von Vitali Klitschko ist offenbar nicht mit eigenen Ministern vertreten, heißt es in Meldungen via Twitter. Der bisherige Innenminister Arsen Awakow soll weiter im Amt bleiben, wie die BBC schreibt. Dem oppositionellen Aktivisten Dmitro Bulatow, der während der Proteste schwer misshandelt worden war, sei das Ministerium für Jugend und Sport angeboten worden.

Die Menschen auf dem Maidan in Kiew nahmen Jazenjuks Nominierung verhalten auf, zum Teil gab es Pfiffe. Viele sehen mit dem Juristen und Wirtschaftswissenschaftler keinen echten Neuanfang. Jazenjuk war bereits Außenminister und Parlamentspräsident der Ukraine, zudem verfügt er über Erfahrung in der Welthandelsorganisation (WTO). Während der Präsidentschaft des gestürzten Viktor Janukowitsch agierte er in der Opposition und konnte sich bei den Protesten als einer der Wortführer auf dem Maidan profilieren.

USA bieten Ukraine Kreditbürgschaft an

Unter Janukowitsch hatte Jazenjuk es noch abgelehnt, Ministerpräsident zu werden. Er sei nicht zu kaufen, hatte er gesagt. Auf ihn kommen als Regierungschef schwierige Aufgaben zu. Das hoch verschuldete Land befindet sich in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Übergangspräsident Alexander Turtschinow sagte, die neue Regierung stehe vor unpopulären Maßnahmen. Es gelte, die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden, das Vertrauen der Gläubiger und Investoren wiederzugewinnen und das Leben für die Bürger zu normalisieren.

Die USA kündigten an, der Ukraine Kreditgarantien in Höhe von einer Milliarde Dollar (728 Millionen Euro) geben zu wollen. Zudem werde die US-Regierung auch zusätzliche direkte Hilfe in Erwägung ziehen, sagte US-Außenminister John Kerry. Es sei "dringend", dass man bei der Unterstützung der Ukraine nach dem Sturz von Janukowitsch vorankomme. Die Interimsregierung müsse zügig Reformen beschließen, Korruption eindämmen und freie und faire Wahlen vorbereiten, forderte Kerry. Die EU bereitet nach seinen Worten Kreditbürgschaften in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar vor.

Zuvor hatte Turtschinow sich selbst per Dekret zum neuen Oberbefehlshaber über die ukrainischen Streitkräfte ernannt. Die Wahl eines regulären neuen Präsidenten ist für den 25. Mai angesetzt. Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko hat seine Kandidatur angekündigt. Ob die aus der Haft entlassene Timoschenko an der Wahl um das Präsidentenamt teilnimmt, ist offen.

Die neue ukrainische Führung verkündete auch, dass sie nach Janukowitsch weltweit suchen lassen will. Das ehemalige Staatsoberhaupt sei auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt worden, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. Ihm werde Massenmord vorgeworfen. Während der Proteste gegen Janukowitsch waren in der vergangenen Woche mindestens 80 Menschen getötet worden.

Proteste von Krim-Tartaren

Unterdessen kam es auf der Halbinsel Krim zu Zusammenstößen zwischen Befürwortern und Gegnern einer Annäherung an Russland. Etwa 20.000 Krim-Tataren demonstrierten vor dem Regionalparlament in Simferopol gegen eine Abspaltung der Autonomen Krim-Republik. Sie schwenkten blaugelbe Fahnen und riefen: "Die Ukraine ist nicht Russland".

Eine kleinere Gruppe von etwa 4.000 pro-russischen Gegendemonstranten demonstrierte indes für eine engere Anbindung an Moskau. Politische Anführer beider Lager und Polizisten versuchten, zwischen beiden Gruppen zu vermitteln. Sicherheitskräfte sprachen von mindestens 30 Verletzten durch Stein- und Flaschenwürfe.  

Das Regionalparlament vertagte wegen der Unruhen eine Krisensitzung. Die Tataren hatten befürchtet, dass die Abgeordneten über eine Abspaltung von der Ukraine abstimmen könnten. Die Krim-Tataren sind Muslime und haben sich aktiv an den Protesten gegen Janukowitsch beteiligt.