Nun hat sich auch Bundespräsident Joachim Gauck dem seit Neuestem für die Außenpolitik Deutschlands geltenden olympischen Motto angeschlossen: citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz forderte Gauck, die Bundesrepublik solle sich als guter Partner "früher, entschiedener und substanzieller" einbringen und mehr tun "für jene Sicherheit, die ihr über Jahrzehnte von anderen gewährt wurde". Der Bundespräsident folgt damit den Tönen, die vor ihm Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen angeschlagen haben.

Wegducken, Drückebergerei, dafür war ich nie zu haben. Trotzdem stört mich der Unterton der neuen Parolen. Hier einige der Gründe:
Erstens: Künftig früher, entschiedener und substanzieller, das ist zunächst eine unangebrachte Selbstbezichtigung, als sei unser Handeln zuvor lahm, lasch und leer gewesen. Wo bitte, vom Kosovo bis nach Afghanistan? Irak – kein gutes Wort für Saddam Hussein, aber hätten wir da den Propaganda-Irrtümern (um nicht zu sagen: -Lügen) der Amerikaner und Tony Blairs folgen sollen und dem Desaster im Zweistromland bis auf den heutigen Tag?

Gut, in Sachen Libyen war Außenminister Guido Westerwelle ein Esel, weil er nicht mitkriegte, dass US-Präsident Barack Obama in letzter Minute seine Ablehnung der Intervention aufgegeben hatte. Aber ansonsten ist es doch ein Treppenwitz, als Ultima Ratio selbst ein verstärktes militärisches Engagement ausgerechnet in dem Augenblick in Aussicht zu stellen, in dem der Wehrbeauftragte beklagt, dass die Bundeswehr seit Jahren am Limit ächzt, es hinten und vorne an Ausrüstung fehlt und die Verteidigungsministerin die Bundeswehr familienfreundlicher gestalten will.

Also, ihr außenpolitischen Olympioniken: Zeigt uns erst einmal, wo wir früher durch mehr hätten mehr erreichen können. Und dann zeigt uns handfest, was Ihr künftig mehr tun wollt, um – wo? – wie viel mehr zu erreichen! Ich würde zum Beispiel gerne einmal wissen, was dieses "früher, entschiedener, substanzieller" konkret heißen soll, falls die Sache in der Ukraine nach Sotschi noch schlimmer werden sollte. Mit einem Flugticket für Klitschko nach München und gute Worte dort kann es dann ja wohl nicht getan sein. Wenn wir denn überhaupt mehr vermögen würden und den Konflikt mit Russland suchen und bestehen könnten. Oder in Syrien …

Zweitens: Unsere historische deutsche Schuld dürfe kein Vorwand für Bequemlichkeit sein. Wo war sie denn das konkret? Auf dem Balkan haben wir, ganz im Gegenteil, unter Berufung just auf diese Schuld ("Nie wieder Auschwitz!") militärisch interveniert anstatt uns herauszuhalten. Und sind immer noch dort.

Wer wie der frischgebackene CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen simpel verkündet, die deutsche Vergangenheit sollte in den Fragen der Außenpolitik keine Rolle mehr spielen, sollte vielleicht ein wenig differenzieren. Lassen wir die Frage nach der Schuld an dieser Stelle einmal als zu kompliziert beiseite. Die Frage nach der Geschichte (und nach deren Wahrnehmung durch unsere Partner) lässt sich keinesfalls so nassforsch beiseite schieben. 

Nicht jeder hat ein so schlechtes Gedächtnis wie die Geschichtsvergessenen. Wie anders hätten sonst die Polen so nervös auf die russisch-deutsche Ostsee-Pipeline reagiert, unter Vorsitz eines deutschen Ex-Kanzlers? Wer Außenpolitik ohne Rücksicht auf die Geschichte betreiben wollte, fände sich alsbald in peinlichen Verstrickungen wieder. Germans to the (diplomatic) front – wenn dieses Berliner Angebot von anderen als nützlich begrüßt wird, heißt dies noch lange nicht, dass deswegen all ihre historischen Hintergedanken verblassen würden.

Ein Letztes: Wenn ich Außenminister Steinmeier höre – "Deutschland ist zu groß, um nur von der Außenlinie zu kommentieren" – dann ist dies ein törichter Hohn auf seine erste eigene Amtszeit im Auswärtigen Amt. Ich kann einen gewissen Sarkasmus nicht unterdrücken: Deutschland ist jedenfalls viel zu klein, um die US-Überwachung der Kanzlerin, der Minister und aller Bürger auch nur zu zügeln. Man stelle sich nur den umgekehrten Fall vor: Wir seien dabei erwischt worden, wie wir das Telefon von Obama abhören.

Alles in allem: Geht es nicht ein wenig selbstbewusster, ohne überkompensatorisches Auftrumpfen?