Ein Gespenst geht um im Westbalkan – das Gespenst eines Volksaufstands gegen die Armut, gegen die zum Raubzug entartete Privatisierung der Wirtschaft und die Herrschaft der unersättlichen Parteibonzen. Die Regierenden im Westbalkan befürchten, dass die Unruhen aus Teilen Bosnien-Herzegowinas auf ihre Herrschaftsgebiete übergreifen könnten.

Die Proteste sind vor allem ein Aufschrei, der die existenzielle Angst vieler Menschen ausdrückt. Ähnliche Gefühle bedrücken nicht nur die Bosniaken, sondern den größten Teil der Menschen in Südosteuropa. Denn die sozioökonomische Trostlosigkeit, die Korruption und die schlechte Regierungsführung unterscheiden sich nicht wesentlich in Bosnien, Kroatien, Serbien, Makedonien oder anderswo im ehemaligen Jugoslawien. So liegt die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen fast überall bei über 50 Prozent, der private Konsum nimmt seit vielen Jahren ab, die seit einem Vierteljahrhundert andauernde Deindustrialisierung konnte nicht aufgehalten werden.

Die Weltbank zählt Bosnien-Herzegowina zu den am "am wenigsten wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften in der Region zwischen Europa und Zentralasien". Zu den gewichtigsten Hemmnissen gehören die ungeheure staatliche Bürokratie – in den zehn Kantonen gibt es etwa 150 Ministerien – sowie ein unterentwickeltes und fragmentiertes Rechtssystem. Der Binnenmarkt ist klein, sodass die Wirtschaft auf Exporte angewiesen wäre – aber die einheimischen Unternehmen passen sich kaum an EU-Vorschriften und -Marktbedingungen an.

Die Weltbank warnt ferner vor "erheblichen" wachstumshemmenden Auswirkungen der Krise in der Euro-Zone auf Bosnien-Herzegowina und die anderen Staaten der EU-Peripherie. Das bosnische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs im Vorjahr lediglich um 0,5 Prozent. Etwa 40 Prozent der Beschäftigten erklären, dass sie weniger verdienen als früher, und die Hälfte der Bevölkerung erhält weniger Überweisungen von im Ausland lebenden Verwandten.

So schreitet die Verarmung voran: Jeder zehnte Bewohner des Landes gilt als arm und verfügt damit über weniger als 5 US-Dollar Kaufkraft täglich. Zahlreiche privatisierte Unternehmen sind pleitegegangen, die Beschäftigten entlassen und die billig erworbenen Gebäude und Flächen gewinnbringend abgestoßen worden. Wer ungestört Business betreiben möchte, muss regelmäßige Zahlungen an Parteikassen und Amtsträger leisten. Ganze vier Prozent des BIP – mehr als in allen anderen Transitionsländern – wird für Sozialleistungen, insbesondere an die Kriegsveteranen, verwendet, sodass dem Staat wenig für öffentliche Investitionen bleibt. Der Internationale Währungsfonds drängt deshalb auf staatliche Sparmaßnahmen, fordert eine Rentenreform und mahnt eine bessere Kontrolle der Gehälter im öffentlichen Dienst an. Weil sich niemand in Bosnien-Herzegowina traut, die Veteranenrenten zu kürzen, wird die Last der Sparmaßnahmen letztlich von der breiten Bevölkerung getragen werden müssen.

Im jüngsten Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission wird darauf verwiesen, dass die Politiker in Bosnien-Herzegowina keine gemeinsame Vorstellung von der Entwicklung des Landes hätten: "Kurzzeitige parteipolitische oder ethnische Interessen haben die Oberhand über eine zukunftsorientierte Politik der Verankerung Bosnien-Herzegowinas in der EU behalten." Diese Einschätzung wurde durch die Reaktionen der Politiker auf die Unruhen bestätigt.

Bosniakische bzw. muslimische Politiker sahen sofort einen verdeckten Plan: Das Ziel sei die Herstellung eines dritten, kroatischen Teils des Staates als Vorlauf für die Zerstörung Bosnien-Herzegowinas. Kroatische Vertreter meinten, die Gefahr erkannt zu haben und dass aus der muslimisch-kroatischen Föderation ein unitäres Gebilde zum Schaden ihrer Ethnie entstehen könne. Serbische Repräsentanten drohten, dass sie keine Ausfuhr der Proteste in ihren Teil des Staates, die Republika Srpska, dulden würden. Der Aufstand habe im Übrigen nochmals bewiesen, dass es mit dem Staat Bosnien-Herzegowina nicht mehr lange gut gehen wird.