Während sein momentaner Aufenthaltsort unbekannt bleibt, scheint die Frage nach dem politischen Einfluss des abgesetzten Präsidenten nun klarer zu beantworten. Janukowitsch sei "eine politische Leiche", sagte Kyril Savin, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew dem Deutschlandfunk: Er sei heute allein, die ganze alte Regierung sei weg, seine Abgeordneten seien gar nicht mehr im Parlament oder hätten mit der Opposition gestimmt. Es spiele fast schon keine Rolle mehr, "was Janukowitsch meint und sagt".

Zu dieser Einschätzung passt eine Erklärung von Janukowitschs Partei der Regionen, die der Guardian in englischer Sprache dokumentiert. Seine ehemaligen Gefolgsleute versuchen dort, maximale Distanz zu seinem gestürzten Regime herzustellen: "Wir verurteilen die feige Flucht von Janukowitsch. Wir verurteilen den Verrat. Wir verurteilen die kriminellen Befehle an normale Leute, Soldaten und Offiziere." Allerdings warnt die Partei auch vor "massiven Einschüchterungen und Lynchjustiz".

Noch deutlicher wird der Text in Bezug auf Janukowitschs persönliche Schuld: "Die Ukraine wurde betrogen und ausgeraubt, aber selbst dies ist nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Dutzende von ukrainischen Familien erleiden, die ihre Lieben auf der einen oder der anderen Seite verloren haben. (…) Die gesamte Verantwortung dafür liegt bei Janukowitsch und seiner nächsten Umgebung."

"Er muss psychisch krank sein"

Die Partei wälzt alles auf ihren Ehrenvorsitzenden ab. Der leistete sich offenbar ein luxuriöses Leben. Tausende von Ukrainern besichtigen derzeit dessen Residenz Meschigorje nahe Kiew. Was sie in der einst verborgenen Villa sehen, macht sie fassungslos: ein riesiges Haus, ausgedehnte Rasenflächen, ein eigener Golfplatz und ein Zoo. "Ich bin schockiert", sagt die pensionierte Soldatin Natalija Rudenko, während sie über den mit Hasen- und Hirsch-Statuen bestückten Rasen blickt. "In einem Land mit so viel Armut, wie kann ein Mensch da so viel besitzen? Er muss psychisch krank sein." Die Welt müsse das sehen und Janukowitsch vor Gericht stellen.

Unklar ist weiterhin, ob er überhaupt noch im Land ist. Janukowitsch wird in seiner Heimatstadt Donezk vermutet, wo er laut der Nachrichtenagentur Interfax von der Grenzpolizei daran gehindert wurde, sich mit einem Privatflugzeug ins Ausland abzusetzen.

Amtsenthebungsverfahren könnte nötig sein

Viele Zufluchtsmöglichkeiten hat er nicht. Gerüchte über seine bevorstehende Verhaftung machen die Runde. Zugleich könnte er sich noch als gewählter Präsident fühlen, denn seine vom Parlament beschlossene Entmachtung könnte rein juristisch nicht ausreichen. Experten wiesen darauf hin, dass der Staatschef trotz des Parlamentsbeschlusses formal weiter im Amt sei. Ein korrektes Amtsenthebungsverfahren müsse mehrere Hürden überwinden. Janukowitsch selbst warf seinen Gegnern in Kiew einen Putsch und eine Machtergreifung im Stil der Nazis im Jahre 1933 vor.

Nach der Unterzeichnung des von EU-Außenministern vermittelten Abkommens mit der Opposition über einen politischen Ausweg aus der Staatskrise am Freitag hatte Janukowitsch Kiew verlassen. Kurz vor seiner Amtsenthebung zeigte sich Janukowitsch am Samstag in einem Fernsehinterview, in dem Charkow im Osten des Landes als Ortsmarke eingeblendet war. Auch wenn ein Mitarbeiter sagte, Janukowitsch sei den ganzen Tag in der Industriestadt gewesen, gesehen hat man den 63-Jährigen dort nicht. Er erschien auch nicht auf einer Konferenz seiner Partei.