Endlich! Endlich erhebt die Staatengemeinschaft ihre Stimme gegen den schlimmsten fortdauernden Menschenrechtsskandal unserer Zeit. Seit fast 60 Jahren werden in Nordkoreas Gefangenenlagern Menschen erniedrigt, vergewaltigt, gefoltert, hingerichtet oder durch Hunger in den Wahnsinn getrieben. Hunderttausende sind Schätzungen zufolge gestorben.

Am Montag hat in Genf eine Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats ihren Bericht vorgelegt. "Wir sind Zeugen eines großen Unrechts", sagte der Kommissionsvorsitzende Michael Kirby, ehemals Richter am obersten Gerichtshof Australiens. "Die Leiden und die Tränen der Nordkoreaner rufen nach Handeln."

"Die Schwere, das enorme Ausmaß und die Art und Weise der in diesem Staat begangenen Verbrechen sind in der heutigen Welt beispiellos", schreibt die Kommission. Und deshalb fordert sie den UN-Sicherheitsrat auf, die Verantwortlichen vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, einschließlich des "Obersten Führers" selbst.

Kim Jong Un vor Gericht in Den Haag? Käme es dazu, es wäre das bedeutendste internationale Strafverfahren seit den Nürnberger Prozessen, in denen die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges über die Schergen der Nazidiktatur zu Gericht saßen.

Aber es wird nicht dazu kommen. China, Vetomacht im Sicherheitsrat, wird dies verhindern. Es ist schändlich, dass sich die Volksrepublik bis heute schützend vor die Machthaber in Pjöngjang stellt. Die chinesische Regierung behauptet, ihr Einfluss in Pjöngjang sei begrenzt; dabei müsste China nur die Öllieferungen einstellen, von denen Nordkorea zu 100 Prozent abhängig ist.

Doch selbst wenn Kim Jong Un nicht in Den Haag auf die Anklagebank geführt wird: Vor der Welt hat er endgültig sein Gesicht verloren. Auf über 400 Seiten listet der Bericht die Untaten seines Regimes auf: Sklavenarbeit, Denunziation, Sippenhaft, Zwangsabtreibungen, Nahrungsentzug.

Nordkorea streitet all diese Vorwürfe ab. Es gebe keine Menschenrechtsverletzungen im Land und keine politischen Gefangenenlager. Aber wenn das Land nichts zu verbergen hat, warum hat es der Kommission dann die Einreise verweigert? Warum durfte sich nie eine unabhängige Menschenrechtsorganisation wie Amnesty International, warum durften sich nie ausländische Journalisten an Ort und Stelle ein Bild machen?

Hätten wir es nur gewusst! So habe mancher nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geklagt, als das ganze Ausmaß der Nazigreuel offenbar wurde, sagte Michael Kirby am Montag in Genf. Mit Blick auf Nordkorea gelte heute jedoch: "Wir können nicht sagen, wir wussten es nicht. Wir wissen es!" Und deshalb habe, wer jetzt nicht handele, auch keine Entschuldigung.

Das Schicksal der Häftlinge im nordkoreanischen Gulag wird der UN-Bericht so schnell nicht wenden. Und doch war diese Aufklärungstat unendlich wichtig. Weil der Bericht den Gefangenen, deren Schicksal nun ins Licht der Weltöffentlichkeit rückt, ein wenig Hoffnung gibt. Und weil wirklich niemand mehr sagen kann, er habe es nicht gewusst.