Der Libanon ist das einzige Land, das seine Grenzen für syrische Flüchtlinge offen hält. Bis Ende 2014 werden einer UN-Prognose zufolge mehr als 1,5 Millionen Syrer dort leben – zusätzlich zu nur 4,5 Millionen Einwohnern. ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm lebt seit einem Jahr in der Hauptstadt Beirut. In den kommenden Monaten berichtet sie über den Alltag im Flüchtlingsland: über das Leben der Syrer, aber auch darüber, wie der Zuzug das Leben der Libanesen verändert. 


Von Beirut sind es rund 100 Kilometer mit dem Auto nach Deir al-Ahmar, einer Gemeinde in der Bekaa-Ebene. Für die Strecke braucht man inzwischen mindestens zwei Stunden. Die Zahl der Bombenanschläge steigt, also hat das Militär die Straßenkontrollen verschärft. Ich bin mit einer Delegation des katholischen Hilfswerks Misereor unterwegs. Wir passen offensichtlich nicht ins Raster von Waffen- und Sprengstoffschmugglern und werden durchgewunken.  

Ein letzter Abzweig nach rechts, vorbei an Panzern und fröstelnden libanesischen Soldaten, dann ist man in Deir al-Ahmar, einer Kleinstadt mit rund 20.000 Einwohnern und Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde. Die Häuser sind mit Kreuzen und Marienbildern geschmückt, kein Minarett ist zu sehen, statt dem Ruf des Muezzin ertönen Kirchenglocken. In Deir al-Ahmar gibt es viele Christen, vor allem Maroniten. Genauer gesagt: So war es bis vor Kurzem.

"Im Winter 2011 standen die ersten syrischen Familien plötzlich vor der Tür", sagt Micheline Lattouf, "manche mit Sandalen an den Füßen." Micheline Lattouf, 44, Angehörige der katholischen Schwestern vom Guten Hirten, macht einen sehr robusten Eindruck. "Aber an dem Abend war ich völlig überfordert." Sie rief ihre Oberin im Konvent in der Nähe von Beirut an. "Was soll ich machen?", fragte sie. "Ich kann ihnen doch nicht die Tür weisen."

"Natürlich nicht", antwortete die Oberin. Viel mehr fiel ihr auf die Schnelle auch nicht ein. Schwester Micheline improvisierte Schlafplätze im Jugendzentrum und in notdürftigen Zelten und wartete auf professionelle Hilfe. Vom Staat, von der Gemeinde, den Vereinten Nationen. Es kam aber niemand.

So begann die Verwandlung von Deir al-Ahmar von einer christlichen in eine christlich-muslimische Gemeinde. Und von einem Hotspot der Drogenproduktion in ein Labor für Bürgernotfallmanagement.

Fragt man Schwester Micheline nach den Problemen von Deir al-Ahmar vor dem Beginn der Flüchtlingskrise, antwortet sie mit einem langen, weichen Seufzer: "Haaaschisch!" Cannabis gehört in der Bekaa-Ebene seit Jahrzehnten zur Landwirtschaft. Während des libanesischen Bürgerkriegs, als von staatlicher Kontrolle nichts mehr zu merken war,  produzierten die Bauern Tonnen für den Weltmarkt. Spätere Versuche der Polizei, den Anbau durch Abbrennen der Felder zu stoppen, waren nur bedingt erfolgreich. Im Bekaa wird auf anrückende Polizisten auch schon mal geschossen. Und so erfreut sich der sogenannte Rote Libanese im Ausland wie auch unter der jüngeren Bevölkerung in Deir al-Ahmar weiterhin großer Beliebtheit.

Auch um die lokalen Teenager vom Kiffen abzuhalten, hatten die Schwestern vom Guten Hirten 2011 ein Jugendzentrum eingerichtet. "Das konnte so nicht weitergehen", sagt Lattouf. Neben ihr sitzt Youssef, ihr Helfer, und schüttelt missbilligend den Kopf. Er findet, die Schwester übertreibt. "Wir bauen hier vor allem Tabak, Zwiebeln und Kartoffeln an."

"Haschisch-Kartoffeln", kontert die Schwester.   

Offensichtlich hatte die Ankunft der syrischen Flüchtlinge eine ernüchternde Wirkung in Deir al-Ahmar – nicht zuletzt, weil einige Äcker und Felder schnell mit Zeltlagern zugestellt waren. Anfangs sei die Stimmung in der Gemeinde gespalten gewesen, sagt Lattouf. "Die einen waren voller Empathie, die anderen wollten die Syrer loswerden." Nach viel Streit und vielen mühsamen Gesprächen herrsche in der Gemeinde nun Einigkeit darüber, dass die Flüchtlinge so schnell nicht wieder gehen werden. Und dass man mit ihnen wird leben müssen. Auch wenn sie Muslime sind.