Der Umsturz in der Ukraine rückt näher. Die ehemalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko ist aus der Haft entlassen und reiste sofort nach Kiew, um vor den Demonstranten auf dem Maidan zu sprechen. Eine Menge aus Zehntausenden Menschen empfing die frühere Regierungschefin am Abend auf dem Unabhängigkeitsplatz.

Janukowitsch hat mittlerweile die Hauptstadt verlassen. Der ukrainische Grenzschutz hat nach eigenen Angaben ein Flugzeug mit ihm kurz vor dem Abflug gestoppt. Janukowitsch habe – begleitet von bewaffneten Sicherheitsleuten – ohne die übliche Grenzabfertigung von der Stadt Donezk aus fortfliegen wollen. Das sagte der Sprecher des Grenzschutzes, Sergej Astachow, laut Medienberichten. Astachow zufolge war unklar, wohin der entmachtete Staatschef reisen wollte. Janukowitsch sei letztlich aus dem Flugzeug ausgestiegen und habe den Ort in einer gepanzerten Limousine verlassen.

Zuvor hatte das Parlament in Kiew für Timoschenkos Freilassung gestimmt, dann beschlossen die Abgeordneten ohne Gegenstimme die Entmachtung von Präsident Viktor Janukowitsch: Er übe sein Amt nicht aus und habe sich widerrechtlich Vollmachten angeeignet. Für den 25. Mai wurden Neuwahlen angeordnet, bei denen Timoschenko kandidieren will. Der Agentur Interfax sagte sie, sie sei sich sicher, dass die Ukraine in naher Zukunft der EU beitreten werde.

Auf dem Maidan wandte sich Timoschenko direkt an die Regierungsgegner: "Ihr seid unsere Helden, ihr seid das Beste der Ukraine", sagte sie und würdigte auch die Todesopfer der vergangenen Tage. Sie forderte die Masse zur Fortsetzung der Proteste auf. Präsident Janukowitsch solle dazu gezwungen werden, auf dem Maidan zu erscheinen.

Janukowitsch spricht von "Staatsstreich"

Der abgesetzte Präsident sprach von einem "Putsch" und "Staatsstreich". Kurz vor der Amtsenthebung hatte Janukowitsch in einem Fernsehinterview angekündigt, er werde nicht zurücktreten und erkenne die Entscheidungen des Parlaments nicht an. "Ich werde das Land nicht verlassen, ich habe nicht vor zurückzutreten", sagte er in Charkow.

Die vom Parlament verabschiedeten Gesetze nannte er rechtswidrig. Die Lage in der Ukraine ähnele sogar der während der Machtergreifung der Nazis in Deutschland. Der 63-Jährige war im Februar 2010 zum Präsidenten gewählt worden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa erkannte die Abstimmung damals grundsätzlich als frei und fair an.

Polizei auf Seite der Opposition

Noch vor den Beschlüssen des Parlaments hatte sich die Polizei auf die Seite der Opposition geschlagen. Die Sicherheitskräfte stünden "an der Seite der Bevölkerung", teilte das Innenministerium mit. Es unterstütze den Wunsch nach einem politischen Wandel. Das Militär hingegen will sich nicht in den Machtkampf einmischen. Die Verfassung des Landes untersage den Streitkräften eine Einmischung in innere Konflikte.

Auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan, dem Zentrum der Protestbewegung, wurden die Nachrichten vom Machtwechsel mit Genugtuung aufgenommen. Viele Menschen strömten ins Zentrum von Kiew und legten Blumen auf die Barrikaden, an denen noch vor Kurzem tödliche Schüsse fielen. Schweigend trauerte die Menge um die Todesopfer, Priester sprachen Gebete. Auf einem Hügel bildeten Windlichter die Worte "Ehre den Helden".